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Inspektor Sklensky: Mord an der Graphischen, Teil 6: Entscheidung

Die Bibliothek der Graphischen, von außen. Das Fenster hat noch kein Loch. (Foto: Christian Handler)

Das ist der sechste und letzte Teil der Skensky-Geschichte: Mord an der Graphischen hier geht es zum ersten Teil: Morgengrauen.

Kapitel 5: Entscheidung

Freitag

Es ist Morgen und ein Mobiltelefon läutet. Sklensky hebt ab und in seinem Kopf fällt ein Berg von Steinen durcheinander. Gerade noch kann er einen Aufschrei unterdrücken. Er grunzt und versucht, dieses Grunzen irgendwie nach: „Inspektor Sklensky, guten Morgen!”, klingen zu lassen. Doch er ist schon zu spät, um den Anruf entgegenzunehmen.

Daraufhin ignoriert er das Mobiltelefon, steht auf und schaltet den Radio ein. Dann geht er in die Küche, um Kaffee zu kochen. Sklensky liebt das Geräusch, wenn die Nespressomaschine mit einem leichten Saugton anzeigt, dass sie bereit ist. Er lässt vier Ristrettos in Ristrettogrösse in die Tasse fließen.

Wie jeden Morgen öffnet er nun sein Notizbuch, um den vorigen Tag Revue passieren zu lassen. Heute ist es schon knapp nach Mittag, stellt er fest und sein Kopf brummt gewaltig. Der gestrige Abend mit seinem Freund Robert Rath hat gewaltige Spuren an seinem Körper hinterlassen.

Während er die Ermittlungsergebnisse von gestern noch einmal liest, fällt ihm zwischendurch ein Satz auf, den er gestern geschrieben haben muss: „Stroboskop ist Realität“. Sklensky kann sich nicht mehr erinnern, wann er das geschrieben hat und auch nicht, in welchem Zusammenhang ihm dieser seltsame Satz eingefallen ist. Er schreibt das Zitat der Alkoholisierung zu und nimmt sich vor, seinen Freund Robert Rath bei Gelegenheit zu fragen, ob dieser damit vielleicht etwas anfangen kann.

Dann erst schaut Sklensky wieder auf sein Mobiltelefon, das zwei Anrufe in Abwesenheit anzeigt. Sein Kollege Michael Markovitsch hat das erste Mal schon gegen neun Uhr angerufen, zu einer Zeit, als Sklensky noch im tiefen Schlaf gelegen ist. Gerade vorhin hat er es ein zweites Mal probiert und Sklensky damit aufgeweckt. Das müssen die Ergebnisse vom Verhör von dem Verrückten aus der Druckerei sein, denkt sich Sklensky, während er die Rückruf-Funktion wählt.

Markovitsch sagt: „Wir haben jetzt die Ergebnisse vom Verhör hereinbekommen, Herr Sklensky. Der Festgenommene ist tatsächlich einer der ehemaligen Druckhelfer. Sein Name ist Markus Platter, er ist 38 Jahre alt, seine Großeltern stammen aus Tirol, die Familie wohnt aber seit Ewigkeiten in Wien. Er hat gestanden, dass er den vergifteten Zucker in das Büro geschmuggelt hat, weil er noch die Zugangscodes kennt.”

Er fährt fort: „Der Verdächtige wirkt eher einfach gestrickt. Er hat es nicht ausgehalten, dass man die Roboter im Rollenkeller statt ihm einsetzt. Deshalb hat er den Doktor Spiegel ermorden wollen. Die ganze Sache war anscheinend eine klassische Racheaktion. Interessant ist: der Typ hatte tatsächlich radioaktives Material bei sich, das er anscheinend in die Farbversorgung der Druckmaschine mischen wollte. Darüber schweigt er sich aus. Aber er hat uns erzählt, dass er einen Komplizen hatte, der sich um die ganze Chemie an der Schule gekümmert hat und der eine Bombe bauen wollte. Von dem weiß er aber natürlich keinen Namen und angeblich war er auch nie an der Schule.”

„Was sagt der Major dazu?“, fragt Sklensky.

Markovitsch lacht: „Tom hat schon eine Meinung dazu: Er hält die Bombe für ein Hirngespinst und einen zweiten Täter für eine Ausflucht. Für ihn ist der Fall beendet und gelöst, Markus Platter ist der Doppelmörder.“

„Also ehrlich gesagt interessiert mich die Meinung des Majors nicht im Geringsten“, sagt Sklensky, „mir fehlt noch was. An der Bombe könnte etwas dran sein, aber was?“.

„Weiß auch nicht. Aber ich halte Sie auf dem Laufenden, wenn wir noch was herausfinden.“, sagt Markovitsch.

„Danke.“, erwidert Sklensky und legt auf.

Er fährt mit der Straßenbahn und dem Autobus 55A zum Lainzer Tiergarten, um sich zu entspannen. Er spaziert den ganzen Nachmittag lang durch den Park. Der Lainzer Tiergarten ist eigentlich ein Park, der als Naherholungsgebiet für Wien öffentlich zugänglich ist. Ein Tierpark ist er nur in dem Sinn, dass sich wie in jedem Park Tiere darin aufhalten.

So richtig entspannen kann sich Sklensky aber nicht. Immer wieder kreisen seine Gedanken um den Fall, ihm fehlen noch einige Teile des Puzzle. Er glaubt noch nicht, dass der Fall beendet ist. Vielleicht gibt es ja doch diesen zweiten Täter.

Schließlich geht die Sonne unter. Sklensky bewegt sich langsam Richtung Ausgang, an der wunderschönen Hermesvilla vorbei, einem Schlösschen, das der Kaiser Franz Josef seinerzeit der Kaiserin Sissi geschenkt hat. Im Abendlicht wirkt die Hermesvilla richtig romantisch.

Da ruft Markovitsch nochmals an. Endlich, denkt sich Sklensky.

„Ich weiß, es ist schon spät, aber mir ist noch ein Detail eingefallen, Herr Inspektor, das vielleicht doch von Bedeutung ist. Markus Platter hat erzählt, dass er den Mittäter in der Schloßhofer Straße, am AMS Floridsdorf kennengelernt hat. Das AMS Floridsdorf ist nämlich für die arbeitslosen Drucker zuständig.“

Und nun fällt bei Sklensky der sprichwörtliche Groschen. „Und für alle, die in Floridsdorf wohnen. Was war ich für ein Trottel! Der Mittäter ist ein ehemaliger Lehrer von der Graphischen“. Er blättert in seinem Notizbuch. „Der Name ist  Johann Gödel, richtig?“

„Woher wissen Sie denn das?“, fragt Markovitsch ungläubig.

Doch Sklensky hat schon aufgelegt und wählt die Nummer von Major Tom.

Der zweite Täter muss dieser alte Lehrer sein, der damals an der Graphischen gekündigt wurde. Der hat sich mit dem Druckhelfer zusammengetan, so passt alles zusammen. In dem Chemielager unter der Schule hat er die notwendigen Chemikalien gefunden. Die Putzfrau war wahrscheinlich nur zur falschen Zeit am falschen Platz. Aber dann ging es um die Umsetzung der Rachepläne für beide: zunächst der Geschäftsführer für den Druckhelfer Platter, dann die versuchte Vernichtung der Zeitungsdruckerei. Nun fehlt eigentlich nur mehr die Zerstörung der Graphischen, denkt sich Sklensky.

Er schüttelt den Kopf: Er ist wahrscheinlich wieder einmal zu spät! Er eilt weiter durch den Lainzer Tiergarten Richtung Ausgang.

Tom meldet sich nicht. Ministerialrat Hosiner, den er als nächsten wählt, ist ebenfalls anscheinend schon längst im Bett. Sklensky versucht so wie vorgestern die Nummer der WEGA. Hier hebt endlich jemand ab und hört sich Sklenkys Geschichte an. Sklensky wird wieder verbunden. Doch der Beamte, der als nächster an der Leitung ist, kann sich das Lachen fast nicht verkneifen: „Sie glauben doch nicht, dass wir wegen Ihnen nochmals so einen Einsatz durchführen, Herr Sklensky. Sicher nicht!“ Damit legt er auf.

Sklensky fasst zusammen: Er glaubt zu wissen, wer der Täter ist und wie der Täter tickt. Er vermutet, der ehemalige Lehrer wird versuchen, die Graphische mit einer schmutzigen Bombe zu sprengen, nachdem der erste Anschlag bei der Zeitung nicht funktioniert hat. Er erhält keine Unterstützung und ist auf sich alleine gestellt.

***

Am Tor des Lainzer Tiergartens schaut Sklensky auf die Uhr. Mittlerweile ist es schon gegen halb zehn abends. Um zehn Uhr wird der Portier die Schule verlassen, den will Sklensky nicht durch einen Anruf gefährden.

Sklensky bestellt einen Uber. Während er wartet, denkt er nochmals nach. „Warum tu ich mir das überhaupt an? Ich habe alle informiert, denen ist es egal. Vielleicht bringt die Aktion jetzt auch gar nichts. Vielleicht liege ich ja auch ganz falsch.” Aber er weiß auch: die einzige Chance, das rauszufinden, ist wieder einmal an der Schule nachzuschauen, ohne offiziellen Auftrag, ohne Durchsuchungsbefehl und gegen den ausdrücklichen Befehl von Tom und dem Ministerialrat.

Sklensky summt ein altes Lied von David Bowie: „My Mother said: To get things done,…”

Wenig später geht es die Lainzer Straße entlang, vorbei am Schönbrunner Schlosspark und über die Kennedybrücke kurz stadtauswärts.

Der Fahrer sagt: „Normalerweise staut es sich hier in beide Richtungen. Die Kennedybrücke ist die Pest. Aber jetzt um die Zeit ist nicht viel los.“

Dann biegt der Uber bei der Einwanggasse ab, quert die Bahn und die Linzer Straße und braust kurz darauf über die Ameisgasse Richtung Schule.

Der Fahrer gibt Gas: „Gleich sind wir da. Was machen Sie eigentlich um die Zeit an der Schule? Die hat doch schon längst zu?“

„Mal sehen,“ sagt Sklensky.

Wenige Minuten nach zehn Uhr fahren sie an der der Schule vorbei. Drinnen ist es schon dunkel. Der Fahrer will direkt davor halten, aber Sklensky weist ihn an, über die Steinbruchstraße und dann Richtung Breitenseer Straße zu fahren. Dort am Eck steigt er aus und geht den Rest zur Schule vorsichtig zu Fuß.

Dann tut er, was er tun muss: Er steigt wieder in die Graphische ein. Sklensky benutzt wieder „sein“ Fenster. Er freut sich, dass es hier anscheinend noch niemand aufgefallen ist, dass das Fenster neuerdings ein Loch hat.

Wegen seiner Spontanentscheidung hat er natürlich keine professionelle Ausrüstung mit, das Mobiltelefon dient als Taschenlampe.

Er steigt – fluchend – nochmals in den Reproturm hinauf und überlegt, ob der Verrückte überhaupt an der Schule ist und wo er sein könnte. Er schaut über den Hof. Plötzlich geht unten im Erdgeschoss gegenüber tatsächlich ein Licht an. Da wird ihm klar: Im Chemiesaal muss es stattfinden, im Zentrum der seinerzeitigen Macht des Täters. Nur dort fühlt der Terrorist sich noch wohl wegen der alten Zeiten, das ist sein Ort.

Sklensky will Hilfe anfordern, aber das Handy hat in der Graphischen keinen Empfang. Also läuft Sklensky erneut fluchend wieder hinunter und dann wieder über den Hof. Im Mondlicht am Abend wirkt die Wendeltreppe hier besonders bedrohlich.

***

Die Türe in den Haupttrakt der Schule ist offen, vor ihm war anscheinend schon jemand da. Sklensky eilt eine kleine Treppe hinauf und biegt dann nach rechts zum Chemiesaal ab. Der steht offen und ist hell erleuchtet. Als er hineineilt, sieht er am Versuchsbereich einige Gerätschaften aufgebaut. Noch bevor er die näher untersuchen kann, bemerkt er im Augenwinkel eine Bewegung. Doch er ist zu spät. Ein Schlag trifft ihn am Kopf und er geht stöhnend zu Boden und verliert das Bewusstsein.

Er sieht die Graphische in Flammen aufgehen. Dann wird ihm klar, dass er rund hundert Meter über der Schule schwebt. Das gibt es nicht, denkt er sich und öffnet die Augen.

Ihm brummt der Kopf. Er liegt am Boden, während ein Mann vor ihm am großen Chemiepult Chemikalien zusammenmischt, Bunsenbrenner aktiviert und in großen Glaskolben Flüssigkeiten kocht.

Der Mann vor ihm ist hager, sehr hager. Das Gesicht ist schmal, die schlanken Finger hantieren routiniert an den chemischen Apparaturen. Er ist elegant gekleidet, nichts deutet darauf hin, dass er ein Mörder sein könnte. Seine schwarzen Haare lassen an einigen Stellen schon graue Ansätze erkennen. Das Auffälligste an ihm sind seine wasserblauen Augen, mit denen er Sklensky nun stechend ansieht.

„Sie sind Johann Gödel und Sie haben letztens im Chemiekeller die Farbkartuschen gefüllt.“, beginnt Sklensky. „Genau“, antwortet Gödel kurz und hantiert weiter. Das Ganze sieht aus wie ein riesiges Chemieexperiment aus dem letzten Jahrtausend.

Dann spricht Gödel weiter: „Bald ist das Werk vollbracht und die Graphische für immer Vergangenheit.“ Sklenskys Chemiekenntnisse sind praktisch nicht vorhanden, aber er erkennt, der verrückte Professor vor ihm will in einem großen Feuerwerk die Schule vernichten. Aus Sicht des Täters wahrscheinlich eine verständliche Reaktion: Der Ort seines Wirkens hat ihm nicht die notwendige Anerkennung gegeben hat, deshalb wird er zerstört. Es ist ein Rachemotiv, das ihn antreibt, vermutet Sklensky. Er beschließt, Gödel bei der Ehre zu packen.

Er beginnt: „Wie sind Sie mir vor zwei Tagen an der Schule entwischt?“ Jetzt schaut ihn Gödel etwas spöttisch an, während er weiterarbeitet: „Herr Inspektor, ich habe doch noch einen Hauptschlüssel. Ich bin einfach in ein Zimmer gegangen und habe mich entspannt, während Sie wie wild durch die Schule gelaufen sind. Dann sind Sie ja freundlicherweise über den geöffneten Kanaldeckel entschwunden. Sie sind ja so verhersehbar.“

Guter Beginn, denkt sich Sklensky, während er langsam die Funktion seiner Muskeln prüft. „Und was wird das hier?“, bohrt er weiter, während er auf die Apparatur zeigt.

„Eigentlich hätte alles anders ablaufen sollen. Ich habe die Sache perfekt vorbereitet. Aber dann kam die Putzfrau am Abend wieder und wollte mehr Geld. Und genau am nächsten Tagam Morgen hat Rainer Spiegel sein vergiftetes Zuckersackerl genommen.“

„Die Putzfrau hat mit Ihnen zusammengearbeitet?“, fragt Sklensky. „Irgendwann werden alle Leute mühsam, weil sie zu viel Geld wollen.“, entgegnet Gödel nur.

„Dann mussten wir eben schnell handeln.“, fährt er fort „Eigentlich wollte ich ja das Feuerwerk gleichzeitig in der Schule und in der Druckerei. Eines für jeden von uns, eine perfekte Inszenierung. Der Kollege Platter hat gerade die ersten Charge in die Druckerei gebracht. Als Sie dann aufgetaucht sind, habe ich ihn blöderweise nicht erreichen können, hier an der Schule hat man einen ganz schlechten Empfang und danach war er anscheinend so beschäftigt, dass er weder auf Anrufe noch auf Nachrichten reagiert hat. Sonst hätten Sie ihn auch nicht geschnappt.“

„Wie sind Sie überhaupt auf diese verrückte Idee gekommen?“, fragt Sklensky.

„Sie wissen wahrscheinlich schon, dass man mich vorzeitig in Pension geschickt hat, weil ich ein Fotoatelier nicht ganz vorschriftsmäßig genutzt habe. Die Schülerinnen waren immer sehr kooperativ, schließlich gab es gute Noten dafür. Mich dafür gleich in Pension zu schicken, war also keine sehr freundliche Vorgangsweise.“

Also ein Rachemotiv, denkt sich Sklensky. Er beginnt, sich ganz langsam zu bewegen, Millimeter für Millimeter, während Gödels Geschichte Fahrt aufnimmt.

„Der Platter ist von dem geschniegelten Doktor Spiegel einfach so gekündigt worden. Am AMS in Floridsdorf haben wir uns getroffen und geschworen, dass wir Rache üben werden. Da hat es sich gut ergeben, dass ich noch Schlüssel für die Schule und Platter noch die Codes der Druckerei hatte. So eine schmutzige Bombe ist in wenigen Tagen gebaut, wenn Sie wissen, wie das funktioniert. Wenn die Putzfrau nicht gewesen wäre…“ Gödel schüttelt den Kopf.

Das Ganze ist purer Aktionismus ohne jeden Sinn, denkt sich Sklensky, aber zwei Männer mit Aufmerksamkeitsdefizit, die unbedingt zeigen wollen, wie cool sie sind. Sie wollen sozusagen ihren eigenen Anteil vom Ruhm und sich die Aufmerksamkeit holen, von der sie glauben, dass sie sie verdienen.

„Haben Sie eigentlich etwas mit dem berühmten Mathematiker Kurt Gödel zu tun?“, fragt Sklensky, um Gödel etwas abzulenken. „Nein.“, antwortet Gödel knapp und arbeitet weiter. Aus einem Kolben tropft jetzt ölig eine dunkelgelbe Flüssigkeit, die Gödel in einem Erlenmeyerkolben sammelt.

„Woher können Sie so eine Bombe bauen? Das kann ja nicht jeder Chemielehrer“, fragt Sklensky.

Gödel lächelt. Sklensky hat jetzt anscheinend ein gutes Thema angesprochen.

„Di-Phenyl-Histadon, Herr Inspektor, ist ein Salz von Polonium.“ Während Gödel beginnt, die Zusammensetzung seiner Bombe zu erläutern, nimmt Sklensky seinen ganzen Mut zusammen, springt auf und stürzt sich auf ihn.

Doch er hat eine Stufe übersehen, die sich zwischen ihm und dem Chemielehrer befindet. Der Inspektor verliert nur ganz kurz den Halt, doch diese Sekunde reicht Gödel, um eine kleine Pistole aus dem Sakko zu ziehen.

Ein Schuss kracht, Sklensky spürt einen stechenden Schmerz im Oberkörper. „Wieso hat in Österreich anscheinend jeder Verbrecher automatisch eine Pistole dabei?“, denkt er sich noch, während er wieder zu Boden sinkt.

***

Und dann geht plötzlich alles sehr schnell. Hinter Johannes Gödel taucht ein eher kleiner Mann auf. Sklensky kann sich gar nicht erklären, wie der plötzlich in den Chemiesaal gelangt sein soll. Aber er starrt vor allem fasziniert auf das Buch, das der Mann in den Händen hält. Es ist das legendäre Standardwerk zum Thema traditionelle Drucktechniken aus dem Jahr 2000, das „Handbuch der Printmedien“ von Helmut Kipphan, ein echter Wälzer, sicher fünf Kilo schwer.

Und dann kracht das Buch ganz einfach auf Gödels Kopf. Gödel geht zu Boden. Der Retter eilt zu Sklensky.

„Das Buch ist stärker als das Schwert. Geist ist stärker als Materie. Philosophie ist stärker als Chemie.”, sagt er.

Nun endlich kann Sklensky ihn erkennen. Es ist der Bibliothekar der Graphischen! Und ganz vage erinnert ihn dieser jetzt auch an den verrückten Numerologen, der ihm im Biergarten ungefragt die Karten gelegt hat. Aber der hatte eine ganz andere Haarfarbe.

Der Retter hat schon ein Mobiltelefon gezückt und verständigt die Rettung und die Polizei.

Sklensky stöhnt. „Warum haben Sie an der Schule Empfang und ich nicht?“, fragt er.

Der Bibliothekar lächelt: „Unter der Woche sollen die Schüler hier etwas lesen, nicht mit dem Handy spielen. Deshalb habe ich im ganzen Haus Störsender installiert, die an der ganzen Schule für schlechten Empfang sorgen. Die habe ich vorhin ausgeschaltet.“

Der Retter wendet sich nochmals an Sklensky: „Ich verschwinde dann, die Rettung wird gleich da sein. Sie sollen die ganze Ehre haben, Sklensky“, sagt er, „Sie hatten ja auch den ganzen Stress und all die Schmerzen.“

Dann geht er. Sklensky verliert wieder das Bewusstsein.

Abspann: Irgendwann am Wochenende

Sklensky kommt in einem Krankenhauszimmer zu sich. Er fühlt sich extrem schwach. Wenig später kommt ein Arzt zu ihm und untersucht ihn.

Der Arzt erläutert, dass er nicht besonders schwer getroffen wurde, aber einiges an Blut verloren hat und in ein paar Tagen wieder fit sein wird. „Es ist nichts Tragisches, aber ruhen Sie sich einmal aus.“ sagt der Arzt.

Er fährt fort: „Was den Verbrecher betrifft, ist alles in Ordnung soll ich Ihnen ausrichten. Den Rest werden Ihnen die Kollegen demnächst erklären.“

Bevor er geht, sagt der Arzt noch: „Ein Tipp von mir, Herr Inspektor: Achten Sie auf Ihren Alkoholkonsum.“ „Der ist eh gut.“, sagt Sklensky. Der Arzt verzieht das Gesicht: „Eben das meine ich. Irgendwann wird das pathologisch und die Leber können wir nicht mehr zusammenflicken.“

Sklensky versucht, sich aufzusetzen, aber die Wunde tut einfach noch zu weh.

Wenig später rauscht Major Tom herein. Er gratuliert zu den Ergebnissen. Sklensky sei der Held des Tages, sagt der Major. Die Rekonstruktion der Kollegen hat ergeben, dass Sklensky den Täter erledigt hat und dabei verwundet wurde.

„Es ist sensationell!“, meint Tom, „Ich muss zugeben, Sie hatten von Anfang an den richtigen Riecher. Ich hätte Ihnen von Anfang an mehr Freiraum geben sollen, aber der Ministerialrat und ich waren uns hundert Pro sicher, dass hier weitere Ermittlungen nichts bringen. Wir verhören Gödel gerade, es sieht so aus, als wäre er der Kopf der Zweierbande und hätte sich alles ausgedacht.

Sklensky erzählt ihm vom Bibliothekar, der in seiner Erinnerung den Mörder in Wirklichkeit zur Strecke gebracht hat. Aber Tom meint: „Das bilden Sie sich alles nur ein, Sklensky. Bleiben Sie besser bei der Version von den Kollegen: Sie haben den Typen niedergeschlagen, nachdem er Sie angeschossen hat. Sie sind übrigens schon auf der Titelseite des Morgenblatts. Sie sind völlig rehabilitiert. Alle Schadenersatzforderungen des Zeitungsverlages sind fallengelassen worden. Kunststück,“ sagt Tom „Sie haben ja auch für eine Super-Story für die Zeitung gesorgt. Jetzt ruhen Sie sich einmal aus, das haben Sie sich verdient.“

Nach all den Diskussionen kann der Inspektor sich selbst nicht mehr genau daran erinnern, was passiert ist. Er beginnt sich zu entspannen und dämmert vor sich hin, nachdem Tom gegangen ist.

Kurz darauf geht nochmals die Türe seines Zimmers auf. „Hat man denn hier nie Ruhe.“, fragt sich Sklensky. Doch dann versucht er, sich wieder aufzusetzen. Der Besucher ist Reinhard Humbold, der Bibliothekar der Graphischen.

„Ich bin hier, um alles aufzuklären.“, begrüßt er Sklensky.

Dann lächelt er, zieht seine hellen Haare vom Kopf, holt aus seinem Rucksack eine dunkle Perücke heraus und setzt sie sich auf. Sklensky traut seinen Augen nicht, denn der Bibliothekar hat sich gerade in den Numerologen vom Biergarten verwandelt. „Genial einfach, nicht wahr?“, strahlt der Bibliothekar und wechselt erneut die Perücke.

Sklensky schüttelt den Kopf. „Warum ist mir das nicht schon am Dienstag im Biergarten aufgefallen?“, fragt er.

„Das ist leicht erklärt“, erläutert Humbold. „Ihr sogenannter Instinkt, Herr Sklensky, ist in Wirklichkeit brillante Logik. Wenn Sie betrunken sind, dann fällt Ihre Logik als erstes aus. Deshalb haben Sie mich nicht erkannt. Sie sind logisch, wenn Sie nüchtern sind, aber schlecht im emotionalen Bereich. Wenn Sie betrunken sind, sind ihre Emotionen stimmiger. Ich habe damals einfach nur geprüft habe, ob sie der Richtige für die Aufgabe sind, die Graphische vor dem Verrückten zu retten.“

„Und bin ich denn der Richtige?“, fragt Sklensky. Humbold nickt: „Die Karten haben mir das bestätigt.“

„Jetzt fangen sie schon wieder mit dem Blödsinn an,“ grummelt Sklensky. Dann gibt er zu: „Naja, ein paar Sachen haben Sie ja gut erraten. Aber woher wussten Sie die Details aus meinem Leben, wie das mit der Milch im Kühlschrank?“, fragt ihn Sklensky. „Das ist einfach. Ihre Putzfrau ist meine Cousine“, sagt der Bibliothekar. „Ich kenne den Zustand Ihrer Kaffeemaschine und Ihres Kühlschranks sehr genau.“

Daraufhin wird er wieder ganz ernst: „Das Wissen der Menschheit, Sklensky, das ist das Wichtigste auf der Welt. Meine Aufgabe ist, dieses Wissen vor der Bedrohung durch Schurken wie den verrückten Gödel zu bewahren. Sie haben dabei geholfen, deshalb sollen Sie auch die ganze Ehre haben.“

Er gibt Sklensky ein kleines Buch. „Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein“, liest Sklensky am Cover. „Ein Geschenk für Sie, Herr Inspektor. Denken Sie einmal darüber nach, Herr Inspektor, dann brauchen Sie nicht immer so schlechte Laune zu haben.”, sagt der Bibliothekar. Dann dreht er sich um und geht aus dem Krankenzimmer. Sklensky bleibt verwirrt und in Gedanken versunken zurück.

Zwei Wochen später

Ministerialrat Hosiner räuspert sich.

„Mit großer Freude habe ich Sie heute zusammengerufen. Wir wollen einen Mann ehren, der den Ruf der österreichischen Polizei in der Öffentlichkeit positiv beeinflusst hat.“

Sie stehen mitten in der Nacht in der Bibliothek im Justizministerium im Palais Trautson im siebenten Bezirk. Hosiner hat Major Tom und einige andere hohe Beamte eingeladen, um Inspektor Sklensky zu ehren.

Hosiner fährt fort: „Herr Inspektor Sklensky, ich darf Ihnen hier und heute vor den dreizehn vorgeschriebenen Zeugen den Maria-Theresien-Orden überreichen.“

„Ich dachte, den gibt es schon lange nicht mehr“, wirft Sklensky ein.

„Naja“ , sagt der Ministerialrat und lächelt geheimnisvoll, „offiziell gibt es diesen Orden natürlich nicht mehr, aber im Verborgenen wird er nach wie vor von uns vergeben. Es handelt sich hier sozusagen um einen Geheimorden.“ Die umstehenden Herren lachen verhalten.

Der Ministerialrat liest feierlich vor: „…für aus eigener Initiative unternommene, erfolgreiche und einen Feldzug wesentlich beeinflussende Waffentaten, die ein Offizier von Ehre hätte ohne Tadel auch unterlassen können“. Er lässt das Manuskript sinken und legt eine bedeutungsvolle Pause ein. „Für solche Taten wird der Maria-Theresien-Orden verliehen.“

Alle applaudieren.

Er lächelt: „So wie Sie das gerne tun, Sklensky, gegen die Anweisungen und die Vorschriften zu handeln, das ist ganz im Sinne des Maria-Theresien-Ordens, wenn es gelingt. Es ist nicht unbedingt notwendig, die Vorschriften zu verletzen, um den Orden zu erlangen.“ Er legt eine kleine Pause ein. „Aber ganz wesentlich ist die Tatsache, dass der Orden eben auch dann verliehen wird, wenn die Vorschriften nicht eingehalten wurden, wenn nur die Sache erfolgreich war. Ich gratuliere sehr herzlich.“

Alle applaudieren erneut. Major Tom öffnet eine Flasche Schlumberger Sparkling und schenkt ein. Sklensky schüttelt den Kopf: „Ich freue mich sehr. Das hätte ich mir nie gedacht, dass es hier einmal um die Sache geht und nicht nur um die Vorschriften.“

Kategorien:Krimi

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