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Inspektor Sklensky: Mord an der Graphischen, Teil 4: Im Keller

Diese Treppe an der Schule führt in den dritten Stock. (Foto: Christian Handler)

Das ist der vierte Teil der Skensky-Geschichte: Mord an der Graphischen hier geht es zum ersten Teil: Morgengrauen.

Kapitel 3: Im Keller

Mittwoch Vormittag

Als Sklensky etwas zerzaust im Sitzungssaal des Innenministeriums eintrifft, zieht Oberst Robert Neumann vom Cybercrime Competence Center des österreichischen Innenministeriums bereits eine erste Bilanz seiner Ermittlungen:

„Wir wissen also, dass in der E-Mail von der Erpressung der österreichischen Tageszeitung Morgenblatt die Rede ist. Eine schmutzige Bombe soll die Bedrohung darstellen. Als Beweis wollen die Erpresser radioaktives Material in den Farbkasten der Druckmaschine bringen, alle Zeitungen sollen dadurch verstrahlt werden. Die Terroristen haben auch eine Forderung ausgearbeitet: Die Zeitung soll eine Woche lang nicht erscheinen, sonst soll es weitere Maßnahmen geben.”

Er hört eine vertraute Stimme: „Was soll denn so etwas bringen? Was soll das überhaupt für eine Drohung sein? Welcher normale Mensch liest heute noch Zeitung? Ich halte das Ganze für einen ausgemachten Blödsinn.“ Sklensky blickt hinüber: Drüben setzt sich Major Tom gerade wieder und schüttelt den Kopf. Die Reaktion erscheint Sklensky typisch für den Major, für klassische Medien hat dieser sich noch nie interessiert.

Während der Oberst weiterredet, denkt Sklensky nach. Anscheinend handelt es sich bei der Sache hier um keine reale Bedrohung, sondern der Bundestrojaner hat in irgendeinem Mailverkehr irgendetwas Verdächtiges gefunden.

Der Bundestrojaner ist eine staatliche Spionagesoftware zur Überwachung von Nachrichten. Es ist ein Progamm, dass sich auf dem Computer von potenziellen Verdächtigen installiert und hineinhackt und bestimmte E-Mails unauffällig an die Polizei weiterleitet.

Sklenskys kennt auch die weitere Vorgangsweise: Es gilt in solchen Fällen zu prüfen, ob diese abgefangene E-Mail eine handfeste Gefahr darstellt oder einfach nur so geschrieben wurde. Ob der Schreiber eine reale Bedrohung ist oder einfach nur ein harmloser Verrückter.

Während der Oberst vorne weiter mit Details fortfährt, zieht sich Sklensky den Trenchcoat aus. Heute – im vorgezogenen Hochsommer – wäre das dünne Sakko doch wieder besser gewesen, denkt er sich. Er schwitzt schon am ganzen Körper, und überlegt, wie die Sache mit den beiden aktuellen Morden in Verbindung zu bringen ist.

Das radioaktive Material könnte zu den Erkenntnissen des Gerichtsmediziners Übel passen. Auch beim Mord am Geschäftsführer wurden solche Chemikalien verwendet.

Sklensky ist davon überzeugt, dass in seinen beiden Fällen der Mörder eine Einzelperson ist. So etwas wie eine organisierte Bande schließt er aus, damit hält er auch die abgefangene E-Mail zunächst für belanglos.

In den kommenden zwanzig Minuten bestätigt sich seine Meinung. Denn außer ein paar Mutmaßungen über mögliche Zusammenhänge mit internationalen Terroristen ist wenig Greifbares in den Ausführungen von Oberst Neumann. Der Oberst könnte der ältere Bruder von Major Tom sein, sein Oberkörper ist kräftig und mit seiner Glatze wirkt er wie ein ehemaliger Bundesheeroffizier, der hier im Innenministerium endlich seine Bestimmung gefunden hat.

Und im wesentlichen versucht der Neumann ja mit dieser Sache seine eigene Position irgendwie zu rechtfertigen, denkt sich Sklensky. Die Ergebnisse sind nicht wirklich relevant. Vor allem wissen die Beamten nicht einmal, wer die Mail geschrieben hat. Was soll der Bundestrojaner dann bringen, denkt sich Sklensky, wenn man nicht einmal herausfindet, wen man verhaften soll. Der tiefere Sinn des Bundestrojaners hat sich Sklensky noch nie erschlossen.

Von der Inszenierung passt alles zusammen, denkt sich Sklensky: Kaum gab es einen Mord in einer Zeitungsdruckerei, findet man schon auch im Netz eine dazupassende Nachricht, die man als Bedrohung interpretieren kann.

Mittwoch Mittag

Nachdem der Oberst ausgeredet hat, holt sich Sklensky mit allen anderen im Raum nebenan einen Kaffee. Sein Mobiltelefon läutet. „Markovitsch hier. Wir checken dann die Personen, die Sie mir gestern durchgeschickt haben, Sklensky, hab ich das richtig verstanden?“

„Genau so. Und vielen Dank für die Hilfe, Herr Kollege.“, sagt Sklensky.

Neben ihm steht Ministerialrat Hosiner. „Eins hab ich nicht verstanden, meine Herren: Was genau soll eine schmutzige Bombe sein?”, fragt er.

Noch bevor Sklensky antworten kann, mischt sich Major Tom ein. „Eine schmutzige Bombe besteht aus einem ganz normalen Sprengsatz, der bei der Explosion radioaktives Material in der Umgebung verbreitet.“

„Aber was soll das dem Täter bringen?“, fragt Hosiner nach.

Nun ist Sklensky schneller mit einer Antwort: „In den meisten Fällen wird dabei das radioaktive Material so fein verteilt werden, dass es nicht einmal zu Strahlenschäden kommt, weil keine entsprechende Dosis mehr vorliegt.“, erläutert er. „Der Schaden wäre trotzdem gewaltig, weil die Dekontamination des Gebiets noch dazu mitten in Wien ziemlich teuer und langwierig wäre. Und die Druckerei könnte möglicherweise wochen-, wenn nicht monatelang nicht benutzt werden.“

„Na, meine Herren“, sagt Hosiner, „das klingt ja ganz interessant. Ich denke, wir sollten das mal beim Mittagessen besprechen.“ Er zückt das Diensttelefon und weist seinen Sekretär an, einen Tisch für drei Personen in den „Drei Hacken“ zu reservieren.

Wenig später sitzen sie schon im traditionsreichen Wiener Wirtshaus „Zu den drei Hacken“ im ersten Bezirk.

Hosiner bestellt gekochtes Schulterscherzel für alle drei.

„Dazu eine Flasche Rotgipfler vom Berg vom Alphart aus Traiskirchen, so wie immer, Herr Hofrat?“, fragt der Kellner, der den Ministerialrat und seine Vorlieben offensichtlich gut kennt, es aber wie jeder österreichische Kellner mit den Titeln gerne übertreibt.

Hosiner nickt und lächelt. Für sein Alter wirkt er eigentlich schlank und gut trainiert, denkt sich Sklensky. Er sieht tatsächlich aus wie ein alter Hofrat im eleganten schwarzen Anzug. Nach außen hin ist er anscheinend immer gut aufgelegt. Doch Sklensky kennt auch andere Seiten, denn Hosiner kann sehr laut werden, wenn ihm Sklenskys Ermittlungsmethoden nicht gefallen.

Nun aber erzählt er den beiden Beamten gutgelaunt, wie in Österreich ordentliches Rindfleisch zubereitet wird.

Gekochtes Schulterscherzel

Zutaten (für vier Personen)

2 kg Schulterscherzel
ein paar Fleischknochen
1 großer Zwiebel
Karotten, Sellerie, Lauch, frische Petersilie
1 Lorbeerblatt
Salz

Zubereitung

Das Wichtigste, sagt Ministerialrat Hosiner, ist der Zwiebel. Man gibt ihn mit den Fleischknochen und ein wenig Öl in einen großen vorgeheizten Topf, öffnet das Fenster und lässt den Zwiebel so lange schmoren, bis er schwarz wird. Das ergibt dann den guten Suppengeschmack.

Danach mit ein paar Litern Wasser aufgießen und leicht salzen.

Das Wasser aufkochen und das Fleisch in das kochende Wasser geben. Rund eine Stunde ziehen lassen, dabei immer wieder den entstehenden Schaum abschöpfen. So klärt sich die Suppe.

Dann das Gemüse und das Lorbeerblatt dazugeben und das Fleisch drei bis vier Stunden lang sieden lassen. Es soll dabei nicht kochen.

Das Gemüse und die Knochen kann man dann mit den typischen Beilagen Semmelkren, Schnittlauchsauce und gerösteten Erdäpfeln am besten gleich mit servieren.

„Was passiert mit den Zwiebeln?“, fragt Sklensky interessiert.

„Die sind nach den vier Stunden ziemlich zerkocht.“, erläutert der Ministerialrat. „Und warum keinen Tafelspitz?“, fragt Tom. Sklensky unterstellt ihm Gedanken sofort Ignoranz. „Na weil dass innen liegende Fett vom Schulterscherzel das Ganze einfach saftiger macht. Ich schätze Sie sehr, Major, aber vom Kochen haben Sie keine Ahnung.“, sagt Hosiner etwas genervt.

Dann strahlt er gleich wieder: „Ah, das Fleisch kommt schon. Na also, nehmen Sie sich ein Beispiel an den Drei Hacken, so gehört das gemacht! Guten Appetit!“

Während des Essens erzählt Sklensky von seinen Gesprächen an der Graphischen und seinen Befüchtungen: „Was mich schon beunruhigt, das ist der seltsame Zufall, dass der Abteilungsleiter an der Graphischen davon gesprochen hat, dass in einem alten Keller an der Schule möglicherweise noch Chemikalien lagern, aus denen man eine solche Bombe bauen könnte.”

Sklensky hält aufgrund der chemischen Zusammenhänge für möglich, dass der Mörder die notwendigen Chemikalien und Zutaten für eine schmutzige Bombe aus dem alten Keller der Graphischen organisiert haben könnte. Radioaktives Di-Phenyl-Histadon hat er ja auch aufgetrieben.

„Jetzt geht aber Ihre Phantasie mit Ihnen durch, tadelt der Ministerialrat. „Die ganze Sache ist natürlich offensichtlich falscher Alarm.“, sagt Hosiner, der anscheinend die marktschreierische Art des Obersts gut kennt. „Neumann hat die Gunst der Stunde genutzt, um wieder ein bisschen Aufmerksamkeit für seine Abteilung und den nutzlosen Bundestrojaner zu bekommen. Aber zugegeben, es passt alles gut zusammen und es hat klarerweise Potenzial für einen Skandal.“

„Nachdem hier nämlich eine Zeitung bedroht worden ist, noch dazu ein angesehenes Boulevardblatt, hat der Fall schon jetzt eine gewisse Öffentlichkeitswirksamkeit, auch wenn ansonsten an der E-Mail-Geschichte nichts dran ist.“, fährt er fort. Er sieht die beidewn eindringlich an: „Meine Herren, ich bitte Sie daher inständig, sich bei den weiteren Ermittlungen wirklich exakt an die Vorschriften zu halten. Das gilt vor allem für Sie, Sklensky, ist das klar?“

„Natürlich“, grummelt Sklensky vor sich hin.

Als Sklensky das Lokal dann gegen 15 Uhr ein wenig illuminiert verlässt – es ist noch eine zweite Flasche vom guten Rotgipfler vom Alphart geworden – schaut er auf sein Mobiltelefon: Wieder ein Anruf in Abwesenheit. Es ist der Gerichtsmediziner Übel. Sklensky ruft sofort zurück, während er die Wollzeile entlanggeht.

Übel erläutert ihm seine endgültigen Erkenntnisse vom ersten Mord: Stana Milic, die Putzfrau ist einwandfrei und sehr professionell erdrosselt worden. „Sie musste nicht leiden“, sagt Übel, „…wenn Sie das beruhigt, Herr Inspektor. Es war sozusagen ein Klassiker: sie ist wahrscheinlich von ihrem Mörder von hinten überrascht worden. Aber für solche Details sind Sie zuständig, Herr Sklensky, nicht ich.“

Übel ist jetzt ganz in seinem Element, als interessierter neutraler Beobachter von außen analysiert er, ohne zu bewerten: „Was mich wundert: Auf der Haut der Toten, im Halsbereich habe ich minimale Spuren von Di-Phenyl-Histadon entdeckt. Das ist eher unüblich, denn wenn die Leiche erwürgt hat, braucht man sie nicht mehr vergiften.“

„Das ist das Zeugs, mit dem auch der Geschäftsführer vom Morgenblatt ermordet wurde.“, stellt Sklensky sofort den Zusammenhang her. „Korrekt, Herr Inspektor!”, lobt ihn Übel.

„Aber wie passt das zusammen?“, überlegt Sklensky. Übel bleibt weiter ganz distanziert. „Ich weise nur auf Tatsachen hin.“, meint der. „Zusammenhänge müssen Sie erkennen, Herr Inspektor.“ „Danke“, sagt Sklensky kurz und legt auf.

Er spürt genau, dass an dieser Sache etwas faul ist. Das Ganze hat etwas mit dem geheimen Chemiekeller in der Graphischen zu tun, von dem ihm der Abteilungsleiter erzählt hat, überlegt Sklensky.

Während er weiter über den Graben geht, ruft er Major Tom an. Doch der meldet sich erst, nachdem Sklensky es fünfmal läuten hat lassen. Genauso wie Sklensky ist er anscheinend auch gerade zu Fuß irgendwo im ersten Bezirk in Wien unterwegs.

Sklensky schildert die Erkenntnisse von Übel und seine eigenen Schlüsse.

Tom sagt: „Da werden wir jetzt keine Zeit investieren, Sklensky, diese Spur führt ins Leere, das sag ich Ihnen. Das ist nur so eine Ahnung von Ihnen, glaube ich. An der Graphischen weiterermitteln, das können Sie sich abschminken, Sklensky“, sagt Tom, „In solchen Sachen ist das Ministerium nämlich sehr streng, da brauchen wir echt harte Argumente.”

Doch Sklensky lässt nicht locker und wiederholt seine Argumente. Schließlich lenkt Tom ein: „Wenn Sie das unbedingt für notwendig halten, gut: Ich kann uns einen Durchsuchungsbefehl organisieren, aber das wird sicher ein paar Tage dauern.“

„Danke“, sagt Sklensky, aber nur mehr der guten Ordnung halber, denn er hat für sich selbst schon beschlossen, dass ihm das über den Dienstweg wie so oft einfach zu lange dauert.

Mittwoch Abend

Sklensky fasst die Situation nochmals zusammen: Er hat vom Abteilungsleiter Hoffmann von der Graphischen das Gerücht gehört, dass aus der Bibliothek der Graphischen ein geheimer Gang in einen alten Chemiekeller führt. Und in diesem Chemiekeller lagern angeblich Sachen aus der Nazi-Zeit. Aus ebendieser Zeit stammt auch das Gift, mit dem der Geschäftsführer von Morgenblatt getötet wurde und das in Spuren auch am Körper der ermordeten Putzfrau der Graphischen gefunden wurde.

Es hängt anscheinend alles zusammen und genau diese Zusammenhänge möchte Sklensky überprüfen. Den offiziellen Weg über eine Hausdurchsuchung hat ihm sein Vorgesetzter Major Tom verwehrt, zumindest massiv verzögert. Sklensky handelt also auf eigene Faust.

Er holt das Nachsichtgerät, eine starke Taschenlampe und einen Geigerzähler aus dem Büro und macht sich auf den Weg.

Gegen 10 Uhr abends geht er dann im 14. Bezirk in Wien spazieren und mehrmals rund um die Graphische.

Dann bewegt er sich zu den Werkstätten. Hier muss er nur schnell über einen einfachen Zaun steigen, dann steht er direkt vor den Fenstern der Bibliothek, die ja im Werkstättentrakt der Schule untergebracht ist.

Hier muss der Mörder eingestiegen sein, vermutet Sklensky. Möglicherweise hat ihm ja die Putzfrau ein Fenster offen gelassen, überlegt Sklensky. Diese Mittäterschaft könnte ihr später zum Verhängnis geworden sein.

Sklensky hat einen Glasschneider mit und schneidet professionell ein Loch in die Scheibe. Dann greift er hinein, öffnet das Fenster von außen, steigt dann fast lautlos in die Schule hinein und schließt das Fenster wieder von innen.

Seine Ortskenntnis war richtig: Er steht wieder mitten in der riesigen Bibliothek der Graphischen. Er lächelt zufrieden.

Sklensky war ja schon einmal in dieser Bibliothek, als er den Bibliothekar gesprochen hat. Deshalb kennt er sich aus, glaubt er. Und er vermutet, dass der geheime Zugang wohl in der Mitte der Wand oder in einer der Ecken zu finden sein wird. Einige deduktive Schlüsse später hat Sklensky zwei Positionen, die es sein können. Hier stehen Bücherregale, die ein einzelner Mensch normalerweise nicht bewegen kann.

Sklensky fährt mit seinen Fingern professionell allen Leisten der Regale entlang und sucht einen Öffnungsmechanismus. Er findet keinen. Auch als Sklensky in der Mitte einmal fest drückt, tut sich nichts.

Er leuchtet mit der Taschenlampe in das Regal und sieht vier Bände des Werks: „Druck in Österreich”. Vier Bände, denkt sich Sklensky? Vom Verband wurden in den 1980er Jahren doch nur drei Bände herausgegeben, das weiß er als Kenner der Szene genau. Ein vierter Band hat also etwas zu bedeuten.

Er drückt auf diesen vierten Band und hört tatsächlich ein deutliches Klicken im Regal. Und nun lässt sich wirklich das Regal auf einmal ganz ohne Anstrengung auf die Seite schieben. Dahinter wird eine Öffnung in der Wand sichtbar. Und metallene Stufen, die als Wendeltreppe in die Tiefe führen. Sklensky setzt sich das Nachtsichtgerät auf und steigt die Wendeltreppe hinunter. Dabei achtet er genau darauf, dass er auf dem alten Blech keinen Lärm erzeugt.

Am Fuß der Wendeltreppe angelangt führt ein Gang in drei Richtungen. Norden, Süden und Westen. Anscheinend ist der Keller unter der Schule weitläufiger, als Sklensky gedacht hat. Er schaut in alle drei Richtungen. Im Gang nach Süden, Richtung Reproturm, übersteuert der Restlichtverstärker. Sklensky nimmt ihn runter und sieht Licht. Er blickt hinunter. Der Geigerzähler zeigt leicht erhöhte Werte. In der Nähe könnte sich also radioaktives Material befinden. Das ist die richtige Spur, denkt Sklensky.

Er schleicht weiter Richtung Süden. Vor ihm wird die Quelle des Lichts sichtbar. Ein alter Lagerraum ist es anscheinend. Die Türe hat im oberen Teil ein altes Fenster, durch das man durchsehen kann. Sklensky erkennt im Raum dahinter alte Chemie-Aufbewahrungsbehälter und Dosen mit moderner Druckfarbe.

In der Mitte des Raumes hantiert eine Person konzentriert mit einigen dieser Dosen und etlichen chemischen Geräten. Wie der Mann genau aussieht, kann Sklensky nicht erkennen, das Glas des Fensters ist schon alt und beschlagen. Es ist eine eher hagere Gestalt mit dunklen, möglicherweise schwarzen Haaren, die da sehr professionell mit den chemischen Gerätschaften im Raum arbeitet.

Sklenksy schleicht näher. Plötzlich beginnt sein Geigerzähler zu piepsen. Die radioaktiven Werte haben den eingestellten Grenzwert überschritten. Die Mann im Raum erstarrt kurz, dann läuft er.

Sklenksy wirft sich gegen die Tür und stürmt den Raum.

Sklensky blickt sich um und sieht einige alte Chemiedosen. Eisen(III)-Chlorid kann Sklensky lesen, Salpetersäure, doppeltkohlensaures Natron. Eine Kartusche mit Druckfarbe. Daneben ein Scheinwerfer, der für intensives Licht sorgt. Der Geigerzähler piepst jetzt wie wild. Sein Verdächtiger ist schon weg.

Die Tür, durch die der geflüchtet sind, ist offen geblieben. Sklensky stürmt dem Unbekannten nach.

Es hastet durch ein paar dunkle Räume, in denen Papier und alte Maschinen lagern, dann durch eine Glastüre, hinter der sich ein moderner, hell erleuchteter Gang befindet. Vor dem Inspektor führt eine Stiege in die Dunkelheit hinauf. Sklensky läuft die Stiege hinauf, weiter und weiter. Nach dem zweiten Stock geht ihm aber bereits fast die Luft aus und er wird langamer.

Atemlos läuft er durch die Nacht. Dann ist er endlich im letzten Stock.

Während er nach Luft ringt, blickt Sklensky durch ein rundes Fenster aus dem dritten Stock der Schule auf den Parkplatz der Graphischen hinunter. Jetzt wird im klar, dass er sich im Reproturm befinden muss, dem Teil der Schule, der früher die Werkstätten der Lithographen beherbergt hat. Er schaut auf die Straße. Er wünscht sich, dass Autos gerade mit quietschenden Reifen davonfahren würden oder er sonst einen Hinweis auf seinen mutmaßlichen Mörders sehen könnte.

Doch es ist nichts zu sehen, weder unten im Hof der Graphischen noch hier im dritten Stock des Reproturm. Sklensky rüttelt an allen Türen, alles ist fest verschlossen. Das war also die falsche Richtung, denkt er. Er muss wieder hinunter.

Wieder im Keller fällt ihm ein Kanaldeckel auf, der verschoben am Boden liegt. Dahinter führt eine Öffnung irgendwohin in die Dunkelheit führt. Sklensky flucht leise, denn er erkennt, dass der Kanalschacht groß genug für einen Menschen ist. Er prüft seine Taschenlampe und steigt hinab in die Kanalisation von Wien, um seinen Verdächtigen zu verfolgen.

Während er dann in der stinkende Brühe herumläuft, beschimpft er sich. Bereits jetzt ist ihm klar, dass er wahrscheinlich viel zu spät ist. Und dass diese Aktion völlig sinnlos ist. Doch er weiß genau, dass er das jetzt tun muss, um sich nachher nicht vorzuwerfen, dass er diese Spur nicht verfolgt hätte.

Er wundert sich nicht, dass er nichts entdeckt hat, als er 30 Minuten später völlig durchnässt und stinkend irgendwo im 14. Bezirk aus der Kanalisation wieder auftaucht.

Seines Versagens völlig bewusst, ruft er den Flüchtigen zur Fahnung aus, aus seiner Sicht eine halbe Stunde zu spät.

Doch noch während er telefoniert, steigt ein furchtbarer Verdacht in ihm hoch: der Verdächtigte, der mögliche Doppelmörder, wird sich als nächstes um die Zeitungsdruckerei kümmern, befürchtet Sklensky. Er hastet zu seinem Wagen, aktiviert das Blaulicht und fährt mit quietschenden Reifen quer durch Wien zur Druckerei Morgenblatt.

Ihm ist völlig klar, dass er auf sich alleine gestellt ist. Die Kollegen werden ihm nicht glauben und vor nächster Woche geht offiziell sowieso gar nichts.

Er weiß auch, dass der Täter einen großen Vorsprung hat und dass er, Sklensky, wahrscheinlich wieder einmal zu spät ist.

Weiter zum nächsten Teil.

Kategorien:Krimi

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