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Inspektor Sklensky: Mord an der Graphischen, Teil 2: An der Graphischen

Diese Wendeltreppe führte am alten Standort der Schule ins Nachbargebäude (Foto: Christian Handler)

Das ist der zweite Teil der Skensky-Geschichte: Mord an der Graphischen hier geht es zum ersten Teil: Morgengrauen.

An der Graphischen

Als Sklensky wenig später den Kollegen am Eingang der Schule seine Dienstmarke zeigt, stellt Sklensky zufrieden fest, dass sein Leben wieder zur Normalität zurückgekehrt ist.

Der Eingang rund um die Schule ist mit Schildern und Bändern mit der Aufschrift „Polizei ermittelt“ abgesperrt. Hier haben sich die Kollegen von der gleich ums Eck liegenden Polizeiinspektion Leyserstraße ausgezeichnet.

Sklensky hat sich durch Trauben von Schülern seinen Weg gekämpft. „Gemma wieder nach Hause.“, sagen ein paar Schüler rund um ihn. „Bis die fertig sind, ist Nachmittag.“

Egal, denkt sich Sklensky, seine schlechte Laune ist weg und er ist gut aufgelegt, als er sich beim Katastrophenkoordinator der Schule meldet. Dieser sieht mit seinem verwegenen Bart so aus, als könnte ihn keine Katastrophe jemals aus der Ruhe bringen.

Er scheint die Lage auch gut im Griff zu haben: „Das ist natürlich schlimmer als eine Übung, Herr Inspektor. Meine Anweisungen werden nur schleppend umgesetzt – oft verbunden mit geringschätzigen Kommentaren. Und mein Megaphon aus der Ausrüstung reicht kaum aus, um den Lärmpegel der Menge da draußen zu übertönen. Aber mit ein bisschen Improvisation schaffen wir das schon.“

Dann bittet er eine Schülerin, Sklensky zum Tatort zu bringen. „Der Major, der die Ermittlungen leitet, ist schon da.“, erklärt er. Während Sklensky weggebracht wird, hebt der Koordinator das Megaphon: „Der Unterricht wird in Kürze wieder beginnen. Eure Lehrer bringen Euch inzwischen zum Sammelplatz, damit nicht alle hier vor der Schule rumlungern. Rauchen und Selfies sind jetzt nicht so wichtig, und Einkaufen brauchts auch nicht mehr!” Den Rest der Anweisungen hört Sklensky schon nicht mehr, denn er ist um eine Ecke gebogen und nähert sich dem Tatort.

„Ah, Sklensky! Gut, dass Sie da sind!“, sagt Major David Tom. Er ist über eine Leiche gebeugt, hebt nur kurz die Augen über die Brille und schaut Sklensky von unten an. Er ist über eine Leiche gebeugt. Sklensky dreht sich weg, denn er kann kein Blut sehen. David Tom steht auf, zieht die Plastikhandschuhe aus und reicht Sklensky die Hand. „Eine Putzfrau der Schule ist mit einem Netzwerkkabel aus der Schule erwürgt worden. Der Name des Opfers ist Stana Milic. Sinn für schwarzen Humor hat der Mörder auf jeden Fall, er hat sie extra erwürgt, damit Sie sich kein Blut anschauen müssen, Sklensky.“ Er lacht kurz. „Der Übel war schon da, der Mord muss irgendwann gestern Abend passiert sein, die Obduktionsergebnisse liefert er nach. Das hätten wir uns aber wohl auch so zusammengereimt, nicht wahr, Sklensky? Aber was wir nicht wissen: Warum war die Dame gestern abend noch hier? Normalerweise hört das Putzpersonal gegen 16 Uhr auf, hat man mir berichtet.“

Alfred Übel ist der Gerichtsmediziner, es ist knapp nach 9 Uhr morgens und der Major hat ein beeindruckendes Ego, fasst Sklensky die Fakten für sich zusammen. Sklensky stimmt hier mit David Tom überein, der fröhlich pfeifend vor ihm hergeht.

Tom ist knapp vierzig und hat definierte Beine und Arme. Ein Piercing im rechten Ohr und die kurzen blonden Haare verleihen ihm ein verwegenes Aussehen.

„So weit, so gut“, bemerkt Tom, „dann hätten wir das Dringendste mal erledigt“.

„Ich erzähle Ihnen mal den aktuellen Stand der Ermittlungen, Sklensky“, fährt er fort. „Der Portier hat heute morgen die Putzfrau gefunden. Das ist insofern außergewöhnlich, denn normalerweise wird die Schule um 10 am Abend abgesperrt. Der Portierin am Abend ist bei ihrem letzten Rundgang allerdings nichts Auffälliges aufgefallen, das haben wir gecheckt, die haben wir telefonisch erreichen können. Und der Übel wird sich die Leiche später noch im Detail anschauen. Macht er ja immer.“, lächelt Tom.

Er gibt den Kollegen, die gerade mit einem Sarg aufgetaucht sind, einen Wink. Die tote Putzfrau wird abtransportiert, die Tatortreiniger machen sich ans Werk. Wenige Minuten später erinnert nichts mehr daran, dass hier vor kurzem noch eine Leiche war.

Dann zückt Tom das Diensthandy und informiert die Kollegen draussen, dass die Schule jetzt wieder betreten werden kann und sie verschwinden können.

Major Tom tippt weiter auf seinem Mobiltelefon. „Ich hab hier überhaupt keine Datenverbindung.”, echauffiert er sich „Das soll die Schule der Medien sein?”.

Danach zieht er eine Zigarette aus dem Packerl, klopft sie am Tisch vor sich aus und wendet sich zum Gehen. „Bevor wir die offizielle polizeiliche Einvernahme mit allen machen, hören Sie sich doch bitte einmal hier um, Sklensky. Sie fragen einfach alle, ob Ihnen vielleicht was aufgefallen ist. Klar soweit? Na dann tschüss, Sklensky, ich hab nämlich noch einen Außentermin.”

Ohne ein weiteres Wort zündet er sich die Zigarette an, dreht sich um und geht. Nur ein Hauch von teurem Rasierwasser bleibt in der Luft hängen.

Sklensky lächelt säuerlich. Der Inspektor hat den menschenverachtenden Unterton seines Vorgesetzten nur deshalb überhört, weil er selbst genau diese Art von Ermittlungen liebt.

An der Schule herrscht mittlerweile schon fast wieder normaler Betrieb. Etliche Schülerinnen und Schüler gehen an Sklensky vorbei, während dieser sich seinen Ermittlungsplan zurechtlegt.

Als erstes wird er der Bibliothek einen Besuch abstatten, vor der wurde ja die Tote gefunden. Danach möchte er sich die Abteilungsleiter und den Direktor vornehmen, beschließt Sklensky.

Er zückt sein Notizbuch und betritt die Bibliothek, wo er schon vom Bibliothekar erwartet wird.

„Reinhard Humboldt“, sagt ebendieser. Der Bibliothekar ist nicht allzu groß, hat kurze struppige helle Haare und trägt eine markante Brille. Er wirkt auf Sklensky wie ein Intellektueller. „Ich zeige Ihnen einmal die Bibliothek hier.“

Der Bibliothekar geht mit Sklensky durch die Reihen mit Büchern. „Hier finden Sie alles, was Sie für die Ausbildung an der Schule brauchen. Lehrbücher, Nachschlagewerke, oder auch einfach nur ein bisschen Zeit und Platz, um ein wenig auszuspannen.“ Die Bibliothek an der Schule wirkt auf Sklensky wie ein echtes Erfolgsmodell. Immer wieder gehen Schülerinnen und Schüler ein und aus, hier ist einiges los.

„Haben Sie denn gar keine Angst, dass Ihre Bücher einmal durch Elektronik ersetzt werden?“, fragt Sklensky.

„Oh, wir haben auch elektronische Leseangebote. Aber die Menschen lieben echte Bücher, das sehe ich hier und das zeigen alle Studien. Lesen funktioniert auf Papier nämlich einfach besser als Online. E-Books haben eine Nische erobert, aber nicht mehr. Die Menschheit lebt einfach von Bibliotheken. In der Cloud ist alles flüchtig, fake und veränderbar.“

Sklensky lächelt, denn der Bibliothekar erinnert ihn in seinem Eifer jetzt an einen Maester aus der Fernsehserie „Game of Thrones“.

Er leitet wieder zum Grund seiner Ermittlungen zurück „Wie ist die tote Putzfrau vor die Bibliothek gekommen?“, fragt er nun. „Das kann ich mir nicht erklären,“ sinniert der Bibliothekar, „in der Bibliothek war sie sicher nicht, die war nämlich zugesperrt, als ich gerade gekommen bin.“

Sie sind mittlerweile am anderen Ende des Raumes angelangt. Hier, gleich hinter den Fenstern, ist ein Weg, der zur Straße führt. Wenn jemand in der Bibliothek ein Fenster öffnen würde, könnte er wahrscheinlich relativ problemlos von draußen in die Schule einsteigen, notiert sich Sklensky.

Er beschließt, die Ermittlungen bei den Abteilungsleitern weiterzuführen, bedankt sich und verlässt die Bibliothek.

Während er dann über den Hof der Schule geht, blickt er sich um. Dieses völlig ziellose sich umschauen gehört zu Sklenskys Lieblingsermittlungsmethoden. Nicht selten hat er so Details entdeckt, die sich später als sehr wichtig herausgestellt haben. Und einige Fälle hat er nur aufgrund von einer dieser unscheinbaren Kleinigkeiten gelöst.

Ihm fällt eine Wendeltreppe auf, die mitten im Hof steht. Das muß die berühmte Treppe sein, die vom alten Standort der Schule in der Westbahnstraße 25 in das Nachbargebäude geführt hat, denkt er sich. Diese Treppe erinnert heute noch an den alten Standort. Dann wirkt es für ihn plötzlich so, also ob der Boden durchsichtig wird und die Wendeltreppe bis tief unter die Erde geht. Sklenksy blinzelt und schüttelt den Kopf.

Dann geht sein Blick weiter zum sogenannten Reproturm. Dieses Gebäude neben den Werkstätten hat drei Stockwerke. Ohne Lift ist das Hinauflaufen hart, denkt sich Sklensky. Dann geht er weiter und besucht den Leiter der Abteilung Druck.

Der Abteilungsleiter Druck, Hermann Hoffmann, bittet den Inspektor in sein Büro, das wie ein Papierlager aussieht.

Seine kleinen Augen funkeln den Inspektor an. „So ein Vorfall ist natürlich tragisch, Herr Inspektor“, sagt er „Aber an der Graphischen gibt es sicher viele Geheimnisse.“

„Wie meinen Sie das?“, fragt Sklensky, der sofort aufmerksam geworden ist.

Hermann Hoffmann erzählt nun ein wildes Gerücht über die ermordete Putzfrau: „Die hat wahrscheinlich ein Verhältnis mit dem Abteilungsleiter der Fotografen gehabt. Da ist natürlich nichts bewiesen“, sagt er „aber …“ schweigt er bedeutungsvoll.

Sklensky lächelt ihn an: „Haben Sie vielleicht noch ein paar wilde Geschichten von der Schule?“

Der Abteilungsleiter ist nun ganz in seinem Element: „Aber sicher. Früher war die Bibliothek ja auch eine Werkstätte.“, beginnt er. „In dem Keller darunter lagern Papier und ein Haufen alte Sachen. Aber es gibt ein paar ganz alte Räume, die noch aus der Zeit vor dem Krieg stammen, es würde mich nicht wundern, wenn hier noch Material von den IG Farben herumliegt. Und angeblich gibt es einem geheimen alten Zugang in den Keller der Werkstätten, direkt von der Bibliothek aus.“

„Das kann ich mir aber nicht vorstellen,“, sagt Sklensky, „ich komme gerade von der Bibliothek, dort gibt es sicher keinen Zugang in den Keller.“

Genau in diesem Moment werden sie unterbrochen, weil plötzlich zwei Schüler hereinkommen: „Herr Professor, wir brauchen noch ein Kopierpapier für die Abschlussarbeit, bitte.“

„Seht ihr nicht, dass ich zu tun habe?“, funkelt Sie der Abteilungsleiter an. „Hier ist vor kurzem ein Mord passiert und ihr denkt nur an das Kopieren.“

„Ist schon gut.“, sagt Sklensky, „ich wollte eh gerade gehen.“ Das Gespräch hat einiges an Lokalkolorit gebracht, denkt er sich, ob etwas für die Ermittlungen dabei war, bezweifelt er.

Er geht wieder über den Hof der Schule und sucht im anderen Trakt das Zimmer der Abteilungsleiterin der Grafik-Abteilung, Nicole Hammer.

Das Nummernsystem der Klassen ist für den Inspektor undurchschaubar. In seiner Verzweiflung klopft er irgendwo an, nachdem er minutenlang das Zimmer gesucht hat.

In der Klasse, die Sklensky betritt, spielen zwei Schüler gerade Karten. „Wollen Sie nicht mitspielen?“, fragt einer der beiden Schüler, „Wir bräuchten noch einen Dritten für eine Partie Uno. Die Regeln sind wie sonst auch; nur wenn ein Neuner kommt, müssen Sie einen den Namen von einem Lehrer von der Schule sagen, den wir noch nicht gesagt haben.“ Er wiegt kurz den Kopf. „Die Regel muss auch nicht sein, sonst haben wir einen Vorteil.“

„Nein, danke“, sagt Sklensky, „Ich ermittle nämlich in einem Mordfall und ich suche die Abteilungsleiterin der Grafikabteilung, Frau Nicole Hammer. Könnt Ihr mir da helfen?“

„Klar!“ sagt der Schüler, „Da sind Sie ja schon ganz nah.“ Er zeigt dem Inspektor die Richtung – es sind nur drei Zimmer weiter. „Schade, dass Sie nicht mitspielen wollen.“

Endlich hat Sklensky das Zimmer gefunden, doch es stellt sich heraus, dass die Abteilungsleiterin Nicole Hammer von der Grafikabteilung gar nicht da ist. „Die kommt heute möglicherweise gar nicht mehr.“, sagt ihre Sekretärin.

Nun gut,denkt sich Sklensky; weiter geht es zu Moritz Kraus, dem Abteilungsleiter der Abteilung Fotografie.

Auch Moritz Kraus hat einige wilde Geschichten von der Schule auf Lager. „Wir hatten hier schon ein paar schräge Vögel als Lehrer. So vor 20 Jahren hat hier mal der Kollege Johann Gödel gearbeitet, als Chemielehrer. Ein war ein waschechter Floridsdorfer und wir alle haben gedacht, dass er völlig isoliert und keusch bei seiner Mutter zu Hause lebt. Und jetzt stellen Sie sich mal die Überraschung vor, als wir draufgekommen sind, dass der mit etlichen Schülerinnen was gehabt hat. Noch schlimmer: Da sind echte Orgien in den Fotostudios hier an der Schule abgefeiert worden.“, berichtet der Abteilungsleiter.

Sklenksy ist sich nicht sicher, ob der Abteilungsleiter die Handlungen des Kollegen verurteilt oder ob er gerne dabei gewesen wäre.

„Egal“, fährt der Pädagoge fort, „die Sache wurde damals diskret österreichisch gelöst. Gödel hat den Dienst quittiert. Seitdem treibt er sich wohl am Arbeitsamt in Floridsdorf herum, wo er nämlich wohnt”, meint Moritz Kraus.

Sklensky hat aus Höflichkeitsüberlegungen mitnotiert, doch er ist überzeugt, dass diese alte Geschichte ihn bei den Ermittlungen wohl nicht wirklich weiterbringen wird.

Er fragt auch Moritz Kraus nach der ermordeten Putzfrau. Dieser zuckt kaum merklich zusammen. „Über diese Putzfrau fragen Sie doch mal den Kollegen Hermann Hoffmann von den Druckern. Der hat ja nachgewiesenermaßen etwas mit der gehabt.“ Dann beugt er sich bedeutungsvoll nach vor und sieht Sklensky direkt in die Augen: „Wissen Sie, Herr Inspektor, bei den Druckern, da ist alles möglich.“

Sklensky bedankt sich und geht, bevor er noch mehr wilde Gerüchte aus der Schule erfährt, die ihn in den Ermittlungen nicht weiterbringen.

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden an der Graphischen und Sklensky kommt bei den Ermittlungen nicht wirklich weiter.

Sklensky fasst seine Ermittlungsergebnisse zusammen: Letzendlich hatte jeder der Abteilungsleiter möglicherweise eine Affäre mit der Putzfrau, die Chemiker sind nicht so puristisch wie sie scheinen und Schüler sein an der Graphischen ermöglicht einige Freiheiten.

Auf seiner Liste fehlt ihm noch der Direktor der Graphischen, Franz Wuzel. Dieser wurde von den Abteilungsleitern als umgänglicher Mensch beschrieben, der sie in Ruhe arbeiten lässt. Bei so einer großen Schule ist die Organisation sicherlich nicht so einfach, denkt sich Sklensky.

Plötzlich läutet sein Mobiltelefon. Es ist Tom: „Wir haben einen neuen Fall, Sklensky: Bei der Zeitungsdruckerei wurde ein Toter gefunden, wahrscheinlich war es Mord. Kommen Sie mal schnell herüber, Sklensky.“

Sklensky läuft vor die Schule und ruft ein Taxi. Wenige Minuten danach ist er aus dem 14. Bezirk bereits unterwegs zur Zeitungsdruckerei in Simmering, auf der anderen Seite von Wien.

Er kommt allerdings zu spät, denn Major Tom ist bereits vor ihm da.

Weiter zum dritten Teil…

Kategorien:Krimi

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