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Druckerei-Krimi: Sonnenuntergang im Waldviertel, Teil 5: Schlechte Motive

Die Ermittlungen gehen weiter: Wer hat Mayrhofer ermordet? (Foto: Christian Handler)

Das ist der fünfte und letzte Teil der Skensky-Geschichte: Sonnenuntergang im Waldviertel, hier geht es zum Anfang.

Ein mißglückter Showdown

Es ist bereits Donnerstag, knapp nach Mitternacht als Inspektor Sklensky den Motor seines Autos abstellt. Rund um ihn zieht Nebel auf. Der Wald rund um Waldschlag an der tschechischen Grenze scheint zu leben. Er hört die Eulen schreien, Frösche quaken und und er hofft, dass das riesige Orchester von Grillen seine Schritte übertönt. Im Gebäude vor ihm, in der Druckerei Schnell-Druck, ist noch Licht, dabei ist es schon nach Mitternacht. Sklensky ist nun ganz in seinem Element als Kriminalinspektor; er zieht den Kragen des Trenchcoats hoch, nimmt seine Dienstwaffe, die Glock, in die Hand und schleicht in Richtung der hell erleuchteten Fenster.

Sklensky fasst seinen Plan in Gedanken zusammen: Er besucht die Druckerei Schnell-Druck an der tschechischen Grenze, entgegen der ausdrücklichen Anweisung des Ministerialrats, ohne Hausdurchsuchungsbefehl, mitten in der Nacht, auf eigene Faust. Denn er hat den Verdacht, dass hier bei Schnell-Druck die Antworten auf die Fragen rund um den Mord von Anton Mayrhofer warten.

Den entscheidenden Hinweis hat ihm gestern der Sachverständige Zweigelt geliefert: Der hat in der Druckerei Zubehör für einen professionellen Sportbogen gesehen. Und mit einem Bogen ist auch der Mayrhofer, das Mordopfer, erschossen worden. Und schließlich passen Umsatz und Ausstattung der Druckerei nicht zusammen. Schnell-Druck hat einen mysteriösen Sublieferanten. Der Geschäftsführer hat sich auf Waldviertler Druckereien ausgeredet. Sklensky möchte herausfinden, wer das wirklich ist, denn er glaubt Ostmann kein Wort.

Sklensky verspürt einen inneren Drang, dass er das tun muss, was er jetzt tut. Er ist der festen Überzeugung, dass er nicht solange warten kann, bis Ministerialrat Hosiner das mit dem Hausdurchsuchungsbefehl auf politischer Ebene geregelt bekommt. Sklensky glaubt, dass einfach nichts weiter geht, wenn er jetzt nicht handelt.

Er muss nur wenige Minuten warten, dann hat sich die Aktion aus seiner Sicht gelohnt: Aus dem Waldviertler Nebel erscheinen mehrere LKW-Züge mit jablonzischem Kennzeichen und fahren bei Schnell-Druck ein. Sklenskys Digitalkamera klickt.

Schnell wird Sklensky klar, wie das Geschäftsmodell von Schnell-Druck funktioniert: Während sie vorgeben, eine österreichische Druckerei zu sein, kaufen sie billig in der von der EU gebannten Republik Jablonzien ein. Sie verkaufen die Ware an österreichische Abnehmer, Ministerien und Agenturen, die nicht danach fragen, was wirklich dahinter steckt. Nun passt auch der Umsatz zu der Druckerei, denkt Sklensky. Diese Erklärung erscheint ihm als perfekte Arbeitshypothese, alles macht nun Sinn. Vor seinen Augen verwandeln sich gerade illegale Drucksachen aus Jablonzien in österreichische Waren, die mit dem Umweltzeichen ausgestattet sind.

Nun gut, denkt sich Sklensky, von nichts kommt nichts. Da werden morgen ein paar Kollegen einiges zu tun haben, wenn sie Schnell-Druck überprüfen. Er steckt die Kamera in die Brusttasche des Trenchcoats. Ein paar Minuten beobachtet er noch die Szenerie, dann beschließt er, es für heute gut sein zu lassen und aufzubrechen.

Aber gerade, als er sich zum Gehen umwendet, erhält er unvermittelt einen Schlag auf den Kopf. „Du warst zu unvorsichtig“, kann er noch denken, dann verliert er das Bewusstsein.

Schüsse im Dunkel

Als Sklensky wieder aufwacht, mit dröhnendem Kopf, gefesselt auf einem Stuhl sitzend, im Halbdunkel, mitten in einer Druckhalle, fällt ihm zuerst eine Pfeilspitze auf, die exakt auf seinen Brustkorb zeigt. Obwohl es ihm schwer fällt, sich zu konzentrieren, fasst er seine Ermittlungsergebnisse in Worte: „Sie müssen Frantischek Novak sein, der österreichische Bronzemedaillengewinner im Bogenschießen.“ sagt Sklensky, obwohl ihm das Sprechen schwer fällt. „Warum arbeiten Sie in einer Druckerei?“

Jetzt passt wirklich alles zusammen, denkt sich Sklensky: Der bekannte Sportbogenschütze und Olympia-Dritte Frantischek Novak arbeitet für Ostmann und Novak hat wahrscheinlich den Mayrhofer erschossen.

Novak blickt gelangweilt am Inspektor vorbei und sagt nichts. Sklensky schaut weiter und sieht seine Glock neben ein paar Farbdosen liegen. Die Minuten vergehen, dann öffnet sich die Seitentüre des Drucksaals und herein kommt Daniel Ostmann. „Novak, alles ist umgeladen. Zahl die Herren und dann sollen Sie verschwinden. Jede Minute, die sie länger hier sind, kann uns verraten. Einen ungebetenen Besucher hatten wir ja heute schon, mehr brauche ich jetzt nicht mehr.“

Daniel Ostmann wendet sich zu Sklensky, während Novak abgeht und presst ganz leise durch die Lippen: „Ich sag Ihnen etwas, Herr Inspektor: Sie werden mich auch nicht aufhalten, Herr Sklensky, Sie nicht!“ Er steckt sich genüsslich eine Zigarette an und lässt Rauchringe durch die Lippen gleiten. „Ich habe beschlossen, erfolgreich zu sein. Mit legalen Mitteln, hier bei diesen österreichischen Steuergesetzen und den hiesigen Kollektivverträgen ist das wohl nicht möglich. Nur wenn man ein bisschen globaler denkt, kann man Profit machen.“ „Deshalb lassen Sie in Jablonzien in Kinderarbeit für sich fertigen,“ vermutet Sklensky. „Richtig kombiniert“, lächelt Ostmann „und auch das blöde neue Importverbot wird mich nicht davon abhalten.“

„Ich möchte Gerechtigkeit“, sagt Daniel Ostmann. Aber es ist eben Gerechtigkeit nur für ihn selbst, die anderen sind ihm egal, erkennt Sklensky. Der Druckerei Schnell-Druck spielt in die Hände, dass die österreichischen Einkäufer nur auf den Preis aus sind und dass die Papiere nie ordentlich geprüft wurden. Das Umweltzeichen war leicht zu bekommen, prahlt Ostmann, und es war fast gratis. Eine Kick-Back-Zahlung, nachdem die Förderung kassiert wurde, und die Sache war erledigt.

Sklensky weiß genau, dass Daniel Ostmann ihn demnächst erschießen wird, doch zunächst muss der größenwahnsinnige Druckereibesitzer ihm anscheinend noch seinen Weltverschwörungsplan erläutern. Sklensky kennt solche Szenen nur aus Agenten- oder Kriminal-Geschichten. In Wirklichkeit, weiß Sklensky, in Wirklichkeit wird ihm das Zeit bringen, doch er weiß ebenso, dass ihn trotzdem nur ein Wunder retten kann. Und Wunder in der Realität sind nun eher selten.

Mittlerweile erläutert Ostmann, warum er den Mayrhofer erschießen ließ: „Der Mayrhofer“, sagt Ostmann, „der ist uns auf die Sache draufgekommen, Sklensky, genauso wie Sie, Sklensky. Der war aber nicht so blöd wie Sie, dass er sich hier fangen hat lassen. Sondern er ist in seine Druckerei gefahren, mitten in der Nacht, um zu recherchieren. Wir haben rasch gehandelt und seine Zigarettensucht hat uns geholfen. Frantischek hat hier ganze Arbeit geleistet, nicht wahr? Einige Meisterschüsse durch das offene Fenster waren das.”

„Und überhaupt ist die ganze österreichische Sozialgesetzgebung doch völlig krank und absurd.“ behauptet nun Daniel Ostmann. „Wieso? Man bekommt schließlich am Ende der Arbeitszeit seine Pension und die ärztliche Grundversorgung ist auch kostenlos.“, meint Sklensky, der nun nur mehr auf Zeit spielt. Sein eigenes Ende ist absehbar, hat der Inspektor erkannt. Aber natürlich interessiert es ihn, wie der Bösewicht in seinem Innersten tickt, auch wenn ihm selbst das nichts mehr nutzen wird. Sonst wäre er ja nicht Inspektor geworden, denkt sich Sklensky in einem Anfall von Selbstironie.

„Ich sage es Ihnen, Herr Sklensky: Weil es niemand gibt, der in das System einzahlt und…“ Weiter kommt Daniel Ostmann nicht, denn aus dem Dunkeln kracht ein Schuss und die Brust des Schurken färbt sich schnell rot. Noch im Fallen donnert seine Magnum, aber der Schuss geht knapp an Sklensky vorbei. Irgendwo beginnt etwas zu zu zischen. Sklensky blickt sich um, kann aber nichts erkennen.

Aus dem Schatten löst sich eine kleine weibliche Gestalt: Es ist Susanne Zenker, die Gewerkschaftssekretärin. In der Hand hält sie eine alte Pistole, eine Walther PPK.

Hinter ihr beginnt Feuer zu flackern. Der Schuss aus der Magnum von Daniel Ostmann hat eine ungesicherte Leitung mit brennbarem Material getroffen. Diese Leitung wurde schon von Stefan Zweigelt bekrittelt, denkt sich Sklensky, der Sachverständige hat recht gehabt.

Doch bevor er Susanne noch bitten kann, ihn loszubinden, zischt ein Pfeil an seinem Kopf vorbei. Dann kracht ein zweiter Schuss und Sklensky sieht im Feuerschein Frantischek Novak, der einen Sportbogen im Anschlag hält, langsam zusammensinken.

Es war eine schlechte Entscheidung von Daniel Ostmann, mir die ganze Geschichte zu erzählen, denkt sich Sklensky. Aber wer ein ordentlicher Bösewicht ist, muss wohl an berufener Stelle seine Story loswerden. Wer könnte dafür besser geeignet sein als ein Inspektor, noch dazu einer, der sich in Druckereien auskennt.

Auflösung

Während Susanne Zenker ihn losbindet, fragt er sie: „Warum bist du eigentlich da?“. Sie erläutert, dass Sklensky selbst ihr den entscheidenden Tipp gegeben hat. Sie wusste von Betriebsbesuchen, dass bei Schnell-Druck der Frantischek Novak gearbeitet hat. Aber sie wusste nicht dass der ein Meisterbogenschütze war. Als Sklensky den Zusammenhang hergestellt hat, war ihr sofort klar, dass nur er der Mörder sein musste. „Das hätte ich mir auch früher denken können“, denkt sich Sklensky, der den Zusammenhang erst am Nachmittag erkannt hat.

„Ich habe heute heute den Tod meines Bruders und den Verlust der Arbeitsplätze gerächt.“, sagt sie mit steinerner Miene, während Sklensky sich die Handgelenke reibt, damit wieder Blut hineinkommt.

„Bruder?“, fragt Sklensky. „Susanne Zenker, geborene Mayrhofer“, sagt sie, während sie sich kurz verbeugt. Sklensky verzieht keine Miene, während er im Geiste seinen Kollegen mangelnde Sorgfalt bei der Recherche vorwirft. „Woher kannst du so gut schießen?“, fragt er sie. „Hier im Waldviertel verstehen wir alle was von der Jagd.“, sagt sie. „Die Pistole ist ein altes Familienerbstück aus dem Krieg, ich freue mich, dass sie der Familie nun wirlich gute Dienste geleistet hat.“

„Ja schon, das mag schon sein“, sagt Sklensky, „aber heiligt denn der Zweck alle Mittel?“ meint Sklensky. „Blabla“, sagt sie, „das verstehst du einfach nicht.“ Sklensky blickt sie lange an, denn er versteht sie in einer gewissen Weise schon und eben auch nicht. „Ich würde an deiner Stelle jetzt verschwinden.“ empfiehlt er.

Während sie geht, blickt Sklensky sich um. Das Feuer hat sich bereits ausgebreitet. Sklensky prüft seinen Trenchcoat: Seine Kamera ist noch da und die Beweisfotos haben die beiden Schurken nicht gelöscht. Sklensky zückt das Diensttelefon und verständigt Feuerwehr, Polizei und Rettung.

Etwas später erzählt er dem Waldviertler Kollegen Franz Oberhammer vom Waldviertler Posten eine etwas veränderte Geschichte. Er gibt an, dass er selbst Daniel Ostmann und Frantischek Novak mit seiner Dienstwaffe, der Glock, in Notwehr erschossen hat. So, denkt er sich, kann Susanne Zenker den Sozialplan vernünftig umsetzen und die Leute von der Druckerei haben vielleicht eine gute Chance.

Und schließlich hatten Sklensky und sie ja möglicherweise etwas miteinander, auch wenn sich Sklensky da jetzt nicht mehr so sicher ist. So oder so, denkt sich Sklensky, das verbindet dann doch wohl.

Als Sklenksy dann endlich nach Wien aufbricht, ist es schon Tag und die aufgehende Sonne auf der Autobahn blendet ihn, kaum dass er knapp nach Stockerau auf die A22 einfährt. Sklensky flucht leise, klappt die Sonnenblende hinunter und legt die Musik auf, die er immer nach einem gelösten Fall als Belohnung für sich spielt: „Columbo“ von Wanda. Wenig später kommt er zu Hause an, stellt das Auto ab und legt sich einmal für einige Zeit in sein eigenes Bett.

Abspann

Es ist Freitag und Sklensky sitzt im Cafe Engländer, einem kleinen feinen Kaffeehaus mitten in Wien. Bei einem Engländer-Frühstück denkt er über den Fall nach und fühlt sich gar nicht gut. Er ist sich bewusst, dass neue Eroberung Susi ihn, Sklensky, eigentlich nur schamlos ausgenutzt, um an Informationen über den Mörder ihres Bruders heranzukommen. Was ja auch gelungen ist, denkt sich Sklensky. War er nun der Ermittler oder nur das Werkzeug? So oder so, Sklenksy fühlt sich nicht besonders gut. Seine Motive waren schlecht, aber der Zweck heiligt wohl die Mittel, denkt er sich.

Sektionschef Hosiner, der gegenüber von ihm sitzt, mit einem großen Kaffee und einem Glas Orangensaft vor sich, räuspert sich und bringt ihn so in die Gegenwart zurück. Während Sklensky seinen dunklen Waldviertler Gedanken nachgehangen ist, hat er Sklenskys Bericht gelesen. Nun zeichnet der Sektionschef den Bericht ab und sagt: „Mit den Kollegen vom Ministerium drüben hab ich jetzt wohl ein Hühnchen zu rupfen. Die Vergabepraktiken sind ja nicht die feinsten gewesen.“

Dann lächelt er: „Sie haben allen Kritikern auf jeden Fall gezeigt, Sklensky, dass es Sinn macht, Ihre Abteilung weiterzuführen. Gute Arbeit!“

Danach verzieht er das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen: „Ein Detail ist mir aber doch aufgefallen: Die Kollegen haben herausgefunden, dass die beiden Schurken mit einer alten Walther PPK erschossen worden sind. Das ist nicht Ihre Dienstwaffe gewesen. Oder seit wann haben Sie denn eine Walther PPK als Dienstwaffe, Herr Sklensky?“

Sklensky schaut ihn nur entgeistert an, während Hosiner fortfährt: „Ist schon in Ordnung, Sklensky, manchmal heiligt der Zweck wohl die Mittel, nicht wahr?“

Der Ministerialrat verbeugt sich kurz und geht.

Die Handlung und alle im Text genannten Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

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Kategorien:Krimi

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1 Antwort

  1. Spannung bis zum Schluß! Und nachdem Sklenskys Abteilung nicht aufgelöst wird, gibt es ja Hoffnung für Sklenskys nächsten Fall!
    Danke für die Krimispannung und vieleicht bis bald!
    Elvira

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