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Druckerei-Krimi: Sonnenuntergang im Waldviertel, Teil 3: Schlechte Preise

Das Waldviertel ist ein guter Platz für Selbsterkenntnis (Foto: Christian Handler)

 

Das ist der dritte Teil der Skensky-Geschichte: Sonnenuntergang im Waldviertel
Hier geht es zum ersten Teil: Schlechte Laune
Hier geht es zum zweiten Teil: Schlechte Umsätze

Endlich passiert was

„Könnte man nicht jemand anderen als mich schicken?“, fragt sich Inspektor Sklensky am Montagmorgen um 10 Uhr, obwohl er die Antwort schon längst kennt. Er ist nun mal Österreichs einziger Spezialist für Verbrechen in Druckereien. Und so sehr er Mordfälle für die Rechtfertigung seiner Abteilung benötigt, so sehr wünscht er sich heute, dass es diesen Fall nicht gäbe.

Sklensky kommt fast zu spät zum vereinbarten Termin bei der Agentur Blitzagent im sechzehnten Bezirk in Wien. Er hat nämlich jeden nur erdenklichen Umweg aus dem Waldviertel nach Wien genommen, nur um diesen Augenblick hinauszuzögern.  Ihm fällt auf, dass vor dem Haus ein großer SUV steht, mit den Insignien von Blitzagent darauf.

Aufgrund seiner persönlichen Nähe zum Agentureigner Thomas Kardiff, müsste er die weiteren Ermittlungen wegen Befangenheit ablehnen. Das sagen zumindest die Vorschriften. Doch die Vorschriften waren Inspektor Sklensky immer schon egal.

Der Auftritt eines Inspektors wird im Fernsehen meist spektakulär inszeniert, in Wirklichkeit ist es dann doch recht unauffällig, denkt sich Sklensky, als er sich beim Empfang der Agentur vorstellt. Er wird von einer überaus modisch gekleideten Sekretärin in ein kleines Besucherzimmer geführt.

„Einen Kaffee, Herr Inspektor?“ fragt sie dann im Weggehen, ohne Sklenskys Antwort abzuwarten. Sklenksy hat kaum Zeit, sich umzuschauen. Typisch Werbeagentur, denkt er sich, schicke Prospekte und Berichte überall, ein 40-Zoll-Bildschirm zeigt im Endlosmodus eine Menge modern wirkender Websites. „Da hat sich wohl jemand in einem Grafikprogramm austoben dürfen.“, denkt sich Sklensky der sich lieber schlichte Websites wünscht.

Die Tür geht auf und der gefürchtete Moment ist da: Vor ihm steht Thomas Kardiff, für Sklensky das Gespenst eines Agenturheinis par excellence, der Typ, der ihm vor sieben Jahren seine Frau ausgespannt hat.

Kardiff trägt einen bunten modischen Seidenschal unter dem sehr eleganten Sakko. Immer noch in slimfit, denkt Sklenksy, der weitere Sakkos bevorzugt. Kardiffs Oberkörper wirkt gut durchtrainiert. Doch auch an ihm sind die Jahre nicht spurlos vorübergegangen, das Haar an den Schläfen ist schon leicht ergraut, bemerkt der Inspektor mit leichter Genugtuung.

Kardiff gibt sich professionell wie immer: „Guten Tag, Herr Sklensky.“ sagt er, als würde er den Inspektor nicht kennen. „Was kann ich für Sie tun?“

Ich hasse es, dass ich dauernd von meiner Vergangenheit eingeholt werde, denkt sich Sklensky, doch er reißt sich zusammen.

„Danke für den Termin. Ich ermittle in einem Mordfall in einer Druckerei, die für Ihre Agentur gedruckt hat. Da würde ich Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, das könnte bei unseren Ermittlungen helfen.“, beginnt Sklensky das Gespräch ganz sachlich, um erst gar nicht von etwas anderm reden zu müssen. Es ist ja auch nur ein Gespräch, eine Vernehmung als Zeuge wird Kardiff erst über sich ergehen lassen müssen, wenn Sklensky einen handfeste Verdacht hat.

Sie setzen sich und Sklensky zeigt das Flugblatt, das er beim Mayrhofer gefunden hat. „Das Impressum ist unvollständig. Hier wird nur Ihre Agentur genannt und keine Druckerei. Wo lassen Sie das drucken? Und warum nicht mehr bei Alt-Druck?“, fragt Sklensky.

Die Sekretärin versorgt die beiden ungefragt mit einem Kaffee aus einer Kapselmaschine, und im Hintergrund sorgt eine Klimaanlage für angenehme Temperatur.

Thomas Kardiff erläutert seine Einkaufspolitik: „Wir legen viel Wert auf umweltgerechte Produktion. Die Druckerei sollte das österreichische Umweltzeichen haben, das Papier sollte PEFC- und FSC-zertifiziert sein und die Produktion sollte klimaneutral erfolgen“.

Sie erzählen aber, dass mittlerweile manche Druckereien um bis zu 40 % billiger sind als der traditionelle Alt-Druck. Und Alt-Druck wollte bei diesen Preisen eben nicht mehr mitspielen, damit hat er die Aufträge verloren. Den aktuellen Lieferanten will Thomas aber nicht bekannt geben.

Sklensky hört sich die Geschichte an und versucht, mit Zwischenfragen Hintergrundinformationen herauszubekommen. Doch der Agenturmensch ist aalglatt und gibt sich keine Blöße.

Schließlich steht Sklensky auf, dankt für den Kaffee und wendet sich zum Gehen, denn mit normalen Mitteln wird er heute wohl nichts mehr herausfinden. Im Gehen aber dreht sich Sklensky noch um, zeigt auf die Kapselmaschine und fragt: „Was den Umweltschutz betrifft, sollten Sie nicht zuerst vor Ihrer eigenen Türe kehren?“

Thomas Kardiff erstarrt kurz, denn so eine freche Frage hat er nicht erwartet. Das ist der Moment, auf den Sklensky gewartet hat. Während er sich nun sehr langsam wieder zur Türe umdreht, blickt er sich intensiv um. Aus dem Augenwinkel heraus sieht er auf dem Schreibtisch eine Rechnung von einer Druckerei: Schnell-Druck, Waldschlag, speichert Sklenksy, dann geht er.

Schnell-Druck aus Waldschlag: Das also ist die Druckerei, die dem Friedrich Alt die Aufträge weggenommen hat, denkt sich Sklensky dann im Auto. Und auch Waldschlag liegt irgendwo da oben im Waldviertel, sagt das Navi.

Dürftige Ergebnisse und noch ein Toter

Wenige Minuten später, auf der Fahrt ins Waldviertel, fasst Sklensky in Gedanken die Ermittlungsergebnisse des Dienstags zusammen. Sie erscheinen ihm nun aus der Ferne betrachtet doch etwas dürftig. Er weiß nun, dass Thomas Kardiff nicht unbedingt die feinsten Methoden verwendt, aber das ist für den Inspektor nichts Neues. Er hat herausgefunden, dass die ehrwürdige Druckerei Alt-Druck in Schlag von Schnell-Druck in Waldschlag abgelöst wurde, zumindest bei der Agentur Blitzagent. Das kann alles und nichts bedeuten, möglicherweise ging es ja wirklich nur um den Preis, wie so oft in der Druckbranche.

Sklensky schüttelt sich, während er weiter Richtung Waldviertel fährt. Diesmal setzt bereits auf der Stockerauer Autobahn der Nebel ein, während Sklensky Wien langsam hinter sich lässt. Sklenskys Gedanken drehen sich um die Preisstruktur: „Warum kann da eine Druckerei um 40 % billiger sein als eine andere?“, fragt er sich. In der Druckbranche gibt es wegen der europaweiten Überkapazitäten immer wieder schlechte Preise, aber so extrem? Während er noch vor sich hin sinniert, beginnt es plötzlich wieder zu regnen. Sklensky fällt ein Satz aus dem Film Taxi Driver ein: „Sometimes a real rain will come and wash all this scum off the street.“ „Und den Thomas Kardiff gleich mit“, murmelt er halblaut nach einer kurzen Pause.

Während Sklensky so im Regen auf der Stockerauer Autobahn seinen dunklen Gedanken nachhängt, läutet plötzlich das Telefon. Seine Assistentin Simone ist dran und sie klingt verzweifelt:  Friedrich Alt, der Druckereichef von Alt-Druck hat sich erschossen, kurz nachdem er Konkurs angemeldet hat.

Sklensky nimmt den Selbstmord ohne Regung zur Kenntnis, fährt einfach weiter, im grauen Nebel, im leisen Regen. Ansatzlos wechselt er das Thema: „Ich würde gerne die Druckerei Schnell-Druck besuchen, die sind auch da irgendwo im Waldviertel oben, noch ein bisschen weiter weg als Alt-Druck.“ sagt er zu Simone. „Bitte machen Sie einen Termin aus für mich, gleich morgen vormittag. Und rufen Sie auch den Sachverständigen Stefan Zweigelt an. Der soll dabei sein. Und heben Sie bitte die Bilanz von Schnell-Druck für mich aus. Ich möchte sehen, wie groß der Betrieb ist.“ Simone wirkt erleichtert, und verspricht, sich zu beeilen. Draussen auf der Landstraße wird der Regen stärker.

Im Weiterfahren denkt sich Sklensky: Eigentlich ist der Kardiff ganz unschuldig an dem Mord, der denkt nur an sich und das Geld.

Wenig später im Waldviertel ist der Sommer schon längst zu Ende. Als Sklensky in kleinen Ort Baum im Hotel Traube ankommt, geht gerade eine blutrote Herbstsonne unter. Kurz darauf ist es schon dunkel.

In seinem E-Mail-Eingang findet Sklensky dann schon die gewünschten Unterlagen. Simone hat in kurzer Zeit ganze Arbeit geleistet. Schnell-Druck freut sich über den Besuch, steht da. Sklensky brummt anerkennend, während er die Unterlagen weiter durchsieht.

Besonders fasziniert ist Sklensky vom Umsatz der Druckerei Schnell-Druck. Für einen kleinen Betrieb im Waldviertel wirkt das sehr beachtlich, so als würden drei Ganzbogen-Achtfarben-Maschinen hier in Betrieb sein. „Mal sehen, was wirklich dahinter steckt“, denkt sich Sklensky, während er sich in Gedanken auf den morgigen Besuch bei Schnell-Druck vorbereitet. Auch der Sachverständige Zweigelt ist von Simone informiert worden und hat zugesagt. Sklensky nickt und grunzt beifällig vor sich hin, während er Simones gute Arbeit begutachtet, dann beschließt er, sich abschließend noch ein Glas Wein an der Bar zu gönnen.

Das Waldviertel bietet viele romantische Ausblicke (Foto: Christian Handler)

An der Bar

Am Dienstag abend sitzt Inspektor Sklensky alleine an der Hotelbar vom Hotel „Zur Traube“ im kleinen Ort Schlag im Waldviertel.

Kaum hat er an der Bar ein Glas Zweigelt bestellt, als schon wieder einmal aus heiterem Himmel die gewerkschaftliche Bezirkssekretärin Susanne Zenker erscheint.

„Man könnte meinen, Sie stellen mir nach, Frau Zenker.“, meint Sklensky mit leicht anklagendem Unterton. Sie blickt ihm direkt in die Augen. „Dieser Mord, Herr Inspektor, “sagt sie, „dieser Mord muss einfach aufgeklärt werden, Herr Inspektor.“

Er spricht sie auf den Selbstmord von Friedrich Alt an. „Ist Ihnen jetzt leichter?“. Sie schweigt nur und blickt in die Ferne.

„Warum sind Sie überhaupt hier immer noch im Hotel an der Bar und nicht in der Druckerei, wo Ihre Leute sind.“, fragt Sklensky. „Ich hab noch was zu erledigen.“ sagt sie knapp.

Sklensky stellt sie sich hosenlos vor. Das nimmt ihr gleich einiges von der bisherigen Schärfe. Er lächelt pragmatisch und fragt: „Wollen Sie vielleicht etwas trinken?“. Ein paar Gläser später denkt sich Sklensky: „Wer weiß, ob diese beginnende Beziehung nicht für die Ermittlungen gut ist.“

Wenige Gläser Wein später beginnt das Gespräch in Richtung Marx, Lenin, Milton Friedman, den Brexit und die Zinsentwicklungen abzudriften. Sklenskys eher neoliberale Ansichten finden bei Susanne – sie sind mittlerweile per Du – keinen positiven Anklang. Sie sieht die Entwicklung der Welt eher in einem marxistischen Sinne, das Kapital breitet sich aus und versucht neue Märkte zu finden, bis es irgendwann unweigerlich in der Revolution zusammenbrechen wird. Sklensky widerspricht heftig, doch ihre geschulte gewerkschaftliche Kampfrhetorik macht es ihm nicht leicht, überhaupt gehört zu werden.

Knapp vor Mitternacht steht sie allerdings unvermittelt auf und verabschiedet sich. Sklensky ist überrascht, denn er hätte mehr an Diskussion erwartet. Er nimmt einen letzten Schluck vom Waldviertler Whisky, der seit einiger Zeit den Rotwein ersetzt hat. Er dreht die Serviette um und liest: „Zimmer 213“. Als er wenig später die Türe zum Zimmer öffnet, ist Susanne unter dem Bademantel bereits nackt.

Hier geht es weiter mit dem vierten Teil von Sklenskys Fall: Sonnenuntergang im Waldviertel.

Die Handlung und alle im Text genannten Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

Kategorien:Krimi

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