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Druckerei-Krimi: Sonnenuntergang im Waldviertel, Teil 2: Schlechte Umsätze

Die Ermittlungen gehen weiter: Wer hat Mayrhofer ermordet? (Foto: Christian Handler)

Das ist der zweite Teil der Skensky-Geschichte: Sonnenuntergang im Waldviertel, hier geht es zum ersten Teil: Schlechte Laune.

Ein Wochenende im Waldviertel

Inspektor Sklensky hat sich für die Ermittlungen im Mordfall Mayrhofer tief im Waldviertl im Hotel Traube im kleinen Ort Baum einquartiert. Das ist nur ein paar Kilometer von Schlag entfernt, wo in der Druckerei Alt ein Mord passiert ist. Es ist Samstag am frühen Nachmittag. Sklensky liest die Zeitung. Ein Artikel gewinnt seine Aufmerksamkeit: Die Branchenvertretung der österreichischen Drucker freut sich über das von der Regierung beschlossene Verbot von Druck-Importen aus der Republik Jablonzien. Der Leitartikel sagt: Nachdem in Jablonzien auch Kinderarbeit in der Endfertigung üblich ist, hat die EU den Import aus Jablonzien vor kurzem für alle Waren verboten. Das ist ein Erfolg für den Enthüllungsjournalisten Martin Weiß, der diese Praktiken in einem Bericht im österreichischen Fernsehen gezeigt und so die Politiker zum Handeln gezwungen hat.

Toller Erfolg für die österreichische Druckbranche, denkt sich Sklensky, aber für seine eigenen Ermittlungen ist der Vormittag ziemlich unergiebig geblieben. Und wo genau liegt eigentlich Jablonzien? fragt sich Sklensky. Die Länder des früheren Ostblocks und der früheren UdSSR bringt er immer noch durcheinander und so sind für ihn Weißrussland, Kirgisistan oder Jablonzien alles dasselbe.

Vorhin, beim Frühstück, hat er einen Schock bekommen, als eine ihm bekannte Stimme gefragt hat: „Darf ich mich zu Ihnen setzen, Herr Inspektor?“

So kam es, dass plötzlich die Gewerkschaftssekretärin Susanne Zenker neben Sklenky beim Frühstück gesessen ist. Sie hat erzählt, dass sie den Fall des ermordeten Mayrhofer extrem interessant findet, dass es ihr wichtig ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alt-Druck durch diese Sache keinen Schaden erleiden. Und dann hat sie mehr oder weniger klar angedeutet, dass sie Sklensky selbst irgendwie auch interessant findet. „Sie haben doch selbst gesagt, ich solle mich zur Verfügung halten“, hat sie gesagt. Sklensky hat das anbiedernde Verhalten ignoriert und Belangloses mit ihr geplaudert. Dazwischen hat er sich aber gefragt, warum sie in Wirklichkeit da ist. So richtig sympathisch findet er sie immer noch nicht und die Sache mit dem „interessanten Inspektor“ nimmt er ihr natürlich nicht wirklich ab. Was ist ihr wahrer Plan, fragt er sich mehrmals, findet aber keine Antwort.

Nach dem mehr oder minder missglückten Frühstück hat Sklensky die Frau des Ermordeten Mayrhofer besucht. Dieses Gespräch war natürlich eine Verpflichtung. Er hat insgeheim gehofft, dass er hier ein wenig mehr über den Ermordeten erfahren würde. Doch trotz aller Versuche hat das Gespräch keine wesentlichen neuen Erkenntnisse gebracht. Für Mayrhofers Frau ist mit dem Tod ihres Mannes die Grundlage ihres Lebens zusammengebrochen, sachdienliche Hinweise konnte sie fast keine geben. Sklensky ist froh, dass in solchen Fällen eine psychologische Betreuung gegeben ist und er ist noch mehr froh, dass diese Betreuung jemand anderer als er macht.

Immerhin weiß Sklensky jetzt, dass Mayrhofer in letzter Zeit den Verdacht hatte, dass eine der Druckereien in Niederösterreich mit falschen Karten spielt. Von gefälschten Umweltzeichen hat Mayrhofer seiner Frau erzählt. Wer oder was genau dahinter stecken könnte, das wußte sie allerdings auch nicht.

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden und die Ermittlungen stecken immer noch fest, stellt Sklensky fest.

Das Treffen mit Mayrhofers Frau hat Sklensky extrem mitgenommen, das spürt er am ganzen Körper. Hier hat eine Beziehung anscheinend wirklich gut funktioniert. Sklensky denkt an seine eigene gescheiterte Beziehung.

Es ist schon einige Jahre her, als Sklenskys damalige Frau sich einen Agenturheini aufgerissen hat, das hat ihn, den Inspektor, damals ziemlich getroffen. Sie hat dann auch die Scheidung durchgesetzt. Seitdem ist Sklensky Single. Für das professionelle Leben ist das durchaus förderlich, denkt er sich die Situation immer wieder schön. Aber in Wirklichkeit, in Wirklichkeit ist Inspektor Johannes Sklensky ziemlich einsam.

Zweigelt taucht auf

„So komme ich nicht weiter“, denkt sich Sklensky am Samstag Nachmittag, „Wenn wirklich mehr hinter diesem Mord steckt – und davon kann man wohl ausgehen – dann brauche ich jetzt Hintergrundinformationen. Irgendjemand muss sich doch auskennen beim Thema Drucken in Österreich gegen Drucken im Ausland. Welche Gütesiegel sind hier relevant? Worauf kommt es beim Umweltzeichen an? Wie ticken die Auftraggeber hier wirklich?“

Schmerzhaft wird im klar, dass er bei seinen Fällen bisher mit seiner persönlichen Druckereierfahrung sein Auslangen gefunden hat. Diesmal aber braucht er tiefer gehendes Wissen.

Er sitzt an der Bar im Hotel zur Traube mitten im Waldviertel und gesteht sich widerstrebend ein: Er braucht dringend fachliche Hilfe.

Er denkt kurz nach und dann ruft er – am Samstag  und ganz privat – seinen Bekannten Franz Weber aus dem Wirtschaftsministerium an.

„Franz, du mußt mir helfen“, sagt Sklensky, „Irgendwer in Österreich muss doch ein Experte für das Thema Umweltzeichen in Druckereien sein.“ Weber weiß sofort Rat: „Wenn Du zum Thema Druck und Umwelt einen echten Experten brauchst, dann empfehle ich Dir den Sachverständigen Stefan Zweigelt. Der weiß alle Hintergründe über alle Umweltzeichen und alle Gütesiegel. Der kann Dir sicher weiterhelfen.“

„Danke für den Tipp, aber den Sachverständigen Stefan Zweigelt, den werde ich wohl erst am Montag erreichen, “, sagt Sklensky, während er auflegt.

„Irrtum”, sagt ein Mann am Nebentisch, steht auf und streckt Sklensky die Hand entgegen. „Stefan Zweigelt, Sachverständiger für Druckereiwesen, wie kann ich Ihnen helfen?“

Sklensky dreht sich in Zeitlupe um, denn eine solche Synchronizität hat er nicht erwartet. Manchmal geschehen ja Dinge mehr oder weniger zufällig. Sklensky glaubt aber nicht an Zufälle und dieser Vorfall erscheint ihm wiedernals ein Beweis dafür. Während er sich langsam von diesem Schock erholt, beginnt der Sachverständige bereits mit seinen Verkaufsbemühungen: „Ich bin zufälligerweise für eine Druckerei hier unterwegs gewesen, also stehe ich für neue Aufträge zur Verfügung, Herr Inspektor.“

Stefan Zweigelt wirkt ein wenig wie ein englischer Landadeliger, sein Sakko ist aus edlem Stoff, in einer undefinierbar erdigen Farbe, wie sie nur englische Schneider verarbeiten; seine kurzen braunen Haare sind perfekt frisiert und unter den buschigen Brauen funkeln zwei unternehmungslustige Augen hervor. Er trägt ein exakt sitzendes Hemd und eine teure Seidenkrawatte in einem auffälligen Orange. Sklensky schätzt die Größe des Sachverständigen auf etwa 160 cm, damit ist er ein wenig zu klein für seinen Körperumfang.

Sie erledigen die Formalitäten, dann erläutert Sklensky kurz sein Nichtwissen bei den Umweltzeichen und bittet den Sachverständigen um seine Unterstützung. Zweigelt ist ganz in seinem Element, während er erklärt, wie das mit den Umweltzeichen wirklich funktioniert. Dass ein Umweltzeichen alleine natürlich kein Beweis ist, dass im Inland gedruckt wird. Und dass den österreichischen Einkäufern aus seiner Erfahrung wesentlich wichtiger ist, dass alles billig ist, anstatt dass es gut gemacht ist. Umweltschutz, so meint der Sachverständige, ist dem Österreicher ja in Wirklichkeit sowieso vollkommen egal.

Er bestellt ein Glas Grünen Veltliner aus der Gegend und noch eines für Sklensky. Während sie trinken, erläutert Zweigelt sein Lebensprinzip: Dass das Regionale einfach besser sei, ist seine Ansicht. „Zumindest beim Wein gilt das auf jeden Fall“, meint er, „ansonsten verstehe ich schon länger die Welt nicht mehr.“

Das Waldviertel ist ein Urbegriff für Regionalität (Foto: Christian Handler)

Gespräche an der Bar (featuring: Das Zweigelt-Rezept)

Es ist mittlerweile Samstag Abend geworden und Inspektor Sklensky plaudert an der Bar weiter mit dem Sachverständigen Stefan Zweigelt. Sie trinken weiter Wein aus der Gegend: das Weinviertel reicht ja bis fast ins Waldviertel.

Stefan Zweigelt erzählt ihm, dass er ein Nachfahre von jenem Friedrich Zweigelt ist, der im Jahre 1922 die Rebsorte Zweigelt aus den österreichischen Sorten St. Laurent und Blaufränkisch gezüchtet hat. Friedrich Zweigelt hat die Sorte damals noch „Rotburger“ genannt, erst nach seinem Tod wurde die Rebsorte im Jahr 1975 nach ihm benannt.

Nach einigen Gläsern vom Gemischten Satz aus der Gegend verrät Stefan Zweigelt dann ein altes Familienrezept: Rindsbraten in Zweigelt (für vier Personen):

Zutaten

1,5 kg gutes Rindfleisch (zum Beispiel Tafelspitz, mageres Meisl, Schulterscherzl, Kruspelspitz oder durchaus auch Beinfleisch)
ein bisschen gutes Olivenöl
500 g Zwiebel
500 g Wurzelgemüse
2 Flaschen Zweigelt (nur den besten, meint Stefan Zweigelt)
Salz und Pfeffer

Herstellung

Zuerst das Rindfleisch auf allen Seiten im Öl anbraten, bis es schön braun ist. Aus der Pfanne nehmen.

Danach den Zwiebel und das Gemüse im Bratensud gut rösten, bis der Zwiebel glasig wird.

Nun kommt der wichtigste Teil: Man öffnet eine Flasche Zweigelt und löscht damit das Gemüse. Der Wein wird danach reduziert, bis fast nichts mehr von ihm da ist. Von der zweiten Flasche gießt man ein Achtelliter in den Koch und den Rest in den Topf und reduziert auch diese Menge Wein nahezu komplett.

Dann kommt das Rindfleisch wieder auf die Gemüse-Wein-Mischung und wird in den auf 80 Grad vorgeheizten Ofen geschoben. Keine Heißluft, meint Zweigelt, und 6 Stunden ganz langsam schmoren lassen. Flüssigkeit entsteht dabei meistens genug, die Kunst bei diesem Gericht besteht darin, bei den Reduktionen wirklich auf nahezu Null zu reduzieren.

„Dabei kann es natürlich helfen, dass von den benötigten zwei Flaschen Zweigelt ein wenig im Koch landet“, kommentiert Sklensky.

„Völlig richtig, Herr Inspektor, Sie scheinen etwas vom Kochen zu verstehen“, stimmt ihm Zweigelt zu. Dann blickt er auf die Uhr: „Ich gehe jetzt schlafen, Herr Inspektor. Wenn Sie noch etwas von mir benötigen, rufen Sie einfach an. Gerne auch am Wochenende, ich bleibe bis zum Montag hier.“

Sklensky schaut in die dunkle Weite der Waldviertler Nacht hinaus. Nach ein paar Gläsern Wein erscheint ihm die Gegend noch unendlicher als sonst. Und so wie gestern hat er plötzlich das Gefühl, dass sich ein Schatten im Gebüsch bewegt, der ihn den ganzen Abend beobachtet hat.

Noch ein Besuch in der Druckerei

Am Sonntag Nachmittag steht Inspektor Sklensky wieder vor der Eingangstür der Druckerei Alt in Schlag im Waldviertel und wartet auf das Eintreffen des Druckereibesitzers.

Nach den Erläuterungen des Sachverständigen Stefan Zweigelt hat er am Samstagabend für sich eine erste Arbeitshypothese formuliert: Der ermordete Mayrhofer hat irgendwie herausgefunden, dass eine andere Druckerei, ein Konkurrent von Alt-Druck, etwas auf dem Kerbholz hat. Und irgendwie muss die Sache mit Umweltzeichen etwas zu tun haben. Möglicherweise finden sich bei den Unterlagen zu den Angeboten ja Hinweise auf diese Druckerei, denkt sich Sklensky. So hat er gleich nach dem Frühstück dann noch einmal Friedrich Alt angerufen und noch einen Termin vereinbart, gleich nach dem Mittagessen.

Kaum dass der Eigentümer die Türe geöffnet hat, überfällt ihn Sklensky schon mit Fragen: „Herr Alt, können wir uns bitte noch einmal ansehen, an welchen Angeboten der Mayrhofer in letzter Zeit gearbeitet hat? Besonders interessieren mich Projekte, für die das Umweltzeichen gefragt war.“

Friedrich Alt führt Sklensky wieder in das Büro von Franz Mayrhofer. Nur Blutspuren an der Wand und am Boden erinnern noch an den Mord. Sklensky dreht sich zum Schreibtisch um und beginnt in den Unterlagen zu blättern, denn Blut kann er nicht sehen.

Der Eigentümer der Druckerei startet inzwischen Mayrhofers PC und geht im Kalkulationsprogramm die Angebote durch. Er nennt ein paar Projektnamen und sie suchen die passenden Druckmuster in dem Chaos am Schreibtisch.

Friedrich Alt blättert eine der fraglichen Broschüren durch: „Das ist wieder typisch. Keine Angabe von einer Druckerei. Nur eine Agentur steht da drinnen – Blitzagent. Gedruckt kann das irgendwer haben. Erst nehmen sie uns die Jobs weg und dann verstecken sie sich auch noch vor uns. Ich frage Sie, Herr Inspektor: Dürfen sie das?“

„Die Angabe der Agenur reicht nicht für ein korrektes Impressum“, murmelt Sklensky. Dann schweigt er, denn das war eigentlich der entscheidende Hinweis. Er prüft nach: In praktisch allen Drucksachen, die Mayrhofer bearbeitet hat, fehlt der Hinweis auf eine Druckerei, bemerkt Sklensky. Die Agentur ist aber immer angegeben und es ist immer dieselbe. Blitzagent, eine Werbeagentur aus Wien.

Da passt etwas zusammen, denkt sich Sklensky. Blitzagent war auf jeden Fall auch im Browserverlauf und auf der Anrufliste des Mobiltelefon des Ermordeten. Diese Informationen haben ihm die Kollegen der Spurensicherung gestern Abend noch geschickt.

„Das ist wieder typisch: die Agenturen machen uns das ganze Geschäft kaputt. Früher war das alles viel besser“, jammert Friedrich Alt, wieder ganz Druckereibesitzer.

Sklensky grunzt nur. Er schnappt sich den Trenchcoat, bedankt sich für die Hilfe, verabschiedet sich von Friedrich Alt und fährt zurück ins Hotel. Sklensky ist plötzlich ganz zufrieden, denn er hat nun endlich eine brauchbare Spur.

Die Spur führt Inspektor Sklenksy zurück nach Wien – und seine eigene Vergangenheit holt ihn ein (Foto: Christian Handler)

Sonnenuntergang am Sonntag

Während die Sonne des Waldviertels sich wieder einmal auf ihren Untergang vorbereitet, sitzt Inspektor Sklensky erneut im Waldviertel an der Bar des Hotels „Zur Traube“ und fasst die Ermittlungsergebnisse des heutigen Sonntags zusammen: Er ist doch erleichtert, denn der heutige Tag hat einen möglicherweise entscheidenden Hinweis gebracht: die Spur zur Wiener Agentur „Blitzagent“.

Diese Agentur möchte Sklensky am Montag besuchen. Er hofft hier auf Hinweise – vielleicht können sie ihm Anhaltspunkte geben, wo und wie Mayrhofer seinen Mörder entdeckt hat.

Während Sklensky bei einem Glas Veltliner darüber nachdenkt, dass er die Agentur morgen gerne besuchen möchte, fällt ihm plötzlich ein, woher er die Agentur Blitzagent kennt.

Es trifft ihn förmlich wie ein Blitz, während draußen die rote Sonne im Waldviertel untergeht: Blitzagent ist die Agentur von Thomas Kardiff; und Thomas Kardiff hat Sklensky damals seine Frau ausgespannt. Die Gefühle des Inspektors sind aufgewühlt, als er am Sonntagabend zu Bett geht.

Hier geht es weiter mit dem dritten Teil von Sklenskys Mordfall: Sonnenuntergang im Waldviertel.

Die Handlung und alle im Text genannten Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

Kategorien:Krimi

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  1. Es war wieder sehr spannend und ich war so vertieft, dass ich fast das Austeigen aus der Ubahn verpasst hätte.
    Freu mich auf die Fortsetzung
    Bis demnächst Elvira

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