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Horror: Das graue Sakko

Viele Geheimnisse verbergen sich in den Straßen von Paris. Foto: Christian Handler



Aus der Serie: Horrorgeschichten aus Frankreich

Franz schwitzte plötzlich unter dem eleganten grauen Sakko. Er hatte dieses Sakko schon am Vormittag getragen, als sie gemeinsam durch die Straßen von Paris spaziert waren. Ihm war ein Obdachloser aufgefallen, der auf dem Gehsteig lag vor ihm ein paar Cent, die wohl weitere Spenden anlocken sollten. Das Sakko des Obdachlosen war dunkelgrau, fast schwarz, aber vom Schnitt her dem seinen sehr ähnlich, hatte Franz gedacht. Angewidert hatte er sich dann aber umgedreht, denn der Obdachlose hatte nach Wein und Erbrochenem gerochen. 

Jetzt, am Abend, war Franz nur kurz aus dem Hotel gewesen, um eine Flasche Rotwein für sie zu kaufen. Maria und er waren für ein langes Wochenende nach Paris gekommen, um sich zu amüsieren. Und sie hatten sich amüsiert: Montmartre, die Tuilerien, der Louvre, der Eiffelturm, es war ein Traum gewesen. Morgen würden sie nach Hause fliegen.

Und nun stand Franz in seinem grauen Sakko vor der Zimmertüre und klopfte wie wild, denn Maria antwortete nicht. Auch auf einen Telefonanruf reagierte sie nicht. Wenige Minuten später stand er mit seiner Rotweinflasche bei der Reception; er war extrem beunruhigt, möglicherweise war seiner Freundin ja etwas zugestoßen.

Doch kurz darauf war Franz noch mehr beunruhigt, dennder Portier fand die Reservierung nicht. Das Zimmer, an dem er geklopft hatte, sei nicht belegt. Franz war völlig weg, doch auch der hinzugekommene Hotelmanager erläuterte, dass es keine Reservierung für Franz und Maria gab und auch nie eine gegeben hätte.

Franz holte sein Mobiltelefon aus der Tasche, um im E-Mail-Eingang nach der Reservierungsbestätigung zu suchen. Aber das Gerät ließ sich plötzlich nicht mehr entsperren, sein seit Jahren bewährter Code funktionierte nicht mehr und nach einigen erfolglosen Versuchen sperrte es sich für 24 Stunden.

Franz begann zu toben. Der vom Hotel herbeigerufene Polizeibeamte hörte sich wenig später sehr höflich die ganze Geschichte an und bat dann Franz um den Pass zur Prüfung der Personaldaten. Wenige Minuten später sagte er immer noch sehr höflich: „Dieser Pass ist im zentralen System nicht gemeldet und könnte eine Fälschung sein. Ich kann Ihre Identität nicht bestätigen. Sie sollten es morgen Früh bei Ihrer Botschaft versuchen.“

Franz war mittlerweile völlig entnervt. Als er nun ein Zimmer buchen wollte, um zumindest eine Bleibe für die Nacht zu haben, gelang auch das nicht mehr: Seine Kreditkarte wäre völlig überzogen, sagte der Hotelmanager und er möge bitte das Haus verlassen, denn seine Räubergeschichte glaube man ihm schon längst nicht mehr. Franz durchsuchte seine Taschen nach Bargeld, doch er fand nur mehr ein paar Cent-Stücke.

Wenig später wurde er auch noch aus der Metro geworfen worden, denn für ein Ticket zum Flughafen hatten die Cents nicht gereicht und er hatte sein Glück erfolglos mit Schwarzfahren probiert. Sein elegantes Sakko war mittlerweile ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden und hatte eine dunkelgraue Farbe angenommen.

Völlig verzweifelt setzte sich Franz mitten in der Nacht an den Straßenrand, irgendwo in Paris. Ihm fiel auf, dass die Rotweinflasche einen Schraubverschluss hatte und er öffnete sie und nahm einen tiefen Schluck. Er musste nachdenken. Wohin konnte er sich wenden? Maria war verschwunden, Telefon, Pass und Kreditkarte waren wertlos geworden. Die Botschaft war morgen früh erst wieder offen, ohne Pass würde er wohl auch den Flieger nicht mehr bekommen. 

Einige verzweifelte Schlucke und Gedanken später hatte er die Flasche geleert und war mitten auf dem Gehsteig eingeschlafen. Am frühen Morgen wachte er einmal kurz auf, denn sein Magen gab die ungewohnte Menge Wein wieder von sich. 

Am Morgen wachte Franz hungrig und durstig auf. Er setzte sich auf und legte die paar verbliebenen Cent vor sich hin, sie sollten weitere Spenden für ein Frühstück anlocken. Franz roch nach Rotwein und Erbrochenem und im Augenwinkel sah er einen Passanten in einem eleganten grauen Sakko, der sich angewidert von ihm abwandte. 

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Kategorien:Horror

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