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Horror: Der Brunnen in Paris

Viele Geheimnisse verbergen sich in den Straßen von Paris. Foto: Christian Handler

Aus der Serie: Horrorgeschichten aus Frankreich

Als Justine am Montagabend nach der Arbeit aus der U-Bahn-Station Pont de Neuilly herauskam und zu ihrem Appartement ging, das kaum zehn Minuten zu Fuß entfernt war, entdeckte sie aus dem Augenwinkel in einer Seitengasse einen Brunnen, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es war nur ein kurzer Moment, in dem sie ihn sah, aber das Bild wirkte noch bis in die Nacht in ihr weiter. Jean, ihr Verlobter hatte am Sonntag lautstark die gemeinsame Wohnung mit seinen Kompagnons verlassen, um irgendwo in die Alpen zum Wandern zu fahren. Für die Woche war sie alleine.
Am Dienstagabend ging Justine dann von Pont de Neuilly direkt zu dem Brunnen. Er sah aus wie die Brunnen vor den romanischen oder gotischen Kirchen, dachte sie. Knapp über einem Meter hoch war der Rand und als sie sich vorbeugte, sah sie nach unten kein Ende, denn schon nach wenigen Metern wurde es komplett schwarz. Insgeheim sah sie denn Brunnen als gefährlich an, denn er hatte kein Gitter und spielende Kinder konnten leicht hinunterfallen. Jean hatte sich noch nicht gemeldet, wahrscheinlich waren er und seine Kompagnons sturzbetrunken in einer Pizzeria in den Alpen hängen geblieben.
Am Mittwochabend kam Justine erst spät am Brunnen vorbei, denn es hatte Überstunden gegeben. Der Brunnen strahlte fast rot in der untergehenden Sonne. Sie ging näher, setzte sich dann an den Rand des Brunnens und sah hinunter in das tiefe Schwarz. Eine angenehme Ruhe ging von dem Brunnen aus und sie genoss es, sich nach dem anstrengenden Bürotag ein wenig entspannen zu können. Sie fühlte, dass sie erstmals seit Wochen wieder wirklich bei sich war. Die Beziehung mit Jean war ziemlich anstrengend geworden und sie überlegte, ob sie nicht vielleicht einmal eine Auszeit benötigte.
Am Donnerstagabend, nach der Arbeit, saß sie wieder am Brunnen. Sie beugte sich hinunter und fühlte sich ein wenig in die Tiefe hinuntergezogen. Sie blinzelte und fühlte sich richtig aufgekratzt. Es war ein richtig aufregendes Gefühl und schon lange hatte sie sich nicht mehr so gebraucht gefühlt. In der Nacht konnte sie fast nicht schlafen.
Am Freitagabend war Justine schon richtig aufgeregt, als sie aus der U-Bahn stieg. Sie lief fast aus der Station hinaus und konnte es kaum erwarten, wieder an ihrem Brunnen zu sitzen. Lange, sehr lange, blickte Justine in das dunkle Nichts, während sie am Brunnen im Abendlicht saß. Dann gab sie dem Impuls des Verlangens nach, kippte nach vor und fiel in die Tiefe.
Am Samstagabend gab es keinen Brunnen mehr in der Gegend der U-Bahn-Station Pont de Neuilly.
Bemerkung: Brunnen gelten als Portale in das Unbewusste. Das kann sehr hilfreich sein, doch manchmal geht der Übergang zu schnell.
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Kategorien:Horror, Horror

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