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Vorschlag für eine Kundeninformation der Wiener Linien (Aus der Serie: Fahrten mit der U5)

U-Bahn gerade versäumt: Dieses Bild soll möglichst vielen Fahrgästen geboten werden (BIld: Handler)

U-Bahn gerade versäumt: Dieses Bild soll möglichst vielen Fahrgästen geboten werden (Bild: Handler)

1. Die Wiener Linien haben die Mission, den Verkehr in Wien zu stören und in letzter Konsequenz komplett zusammenbrechen zu lassen. Es ist uns aber aus organisatorischen Gründen derzeit nicht möglich, alle Fahrgäste in gleichem Ausmaß zu verärgern. Wir bitten daher um Ihr Verständnis, wenn auch in den nächsten Jahren einzelne Züge noch pünktlich verkehren. An der Behebung dieses Mangels wird intensiv gearbeitet.

2. Die Anzahl der wartenden Fahrgäste an einer Haltestelle beeinflusst die Anzahl der Züge: Je mehr Wartende, desto weniger Züge. Das Ziel: Möglichst keine Züge zu Stoßzeiten.

3. Die Fahrerinnen und Fahrer unserer Straßenbahnen sind an keine bestimmte Linie gebunden. Sie können, um Verwirrung zu stiften, jede beliebige Linie benutzen. Außerdem haben sie die Erlaubnis, ohne vorherige Ankündigung in eine Remise fahren, um ein Bier zu trinken.

4. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass wir es jedem unserer Fahrgäste ermöglichen wollen, mit Hilfe der Wiener Linien sein Ziel mindestens fünf Minuten später als zu Fuß zu erreichen.

5. Fahrgäste, die es vorgezogen haben, zu Fuß zu gehen (um dadurch gemäß Punkt 4 schneller voran zu kommen), sollen während ihres Weges von einer Straßenbahn überholt werden. Die Fahrerinnen und Fahrer dieser überholenden Züge sind angewiesen, während des Überholvorgangs hämisch zu grinsen.

6. Sonderbedienstete achten bei Anschlusszügen darauf, dass die Fahrgäste den Zug gerade nicht mehr erreichen. Besonderes Augenmerk wird hier darauf gelegt, dass diese Fahrgäste den wegfahrenden Zug gerade noch sehen. Nur dieses exakte Timing, für das wir weltweit bewundert werden, ermöglicht maximale Frustration.

7. Die Straßenbahnen haben zwar überall Vorrang; die Fahrer sind jedoch angewiesen, die Fahrt möglichst zu verzögern. Spezialtechniker-Einheiten können zu diesem Zweck kurzfristig auch ganze Streckenzüge außer Betrieb setzen.

8. Unsere Fahrerinnen und Fahrer haben die Aufgabe – soweit es ihnen unter Berücksichtigung von Punkt 7 möglich ist – Autofahrer und Fußgänger so zu behindern, dass diese den Eindruck erhalten, mit den Wiener Linien schneller voranzukommen.

9. Mitteilungen der Wiener Linien sind nicht zu Informationszwecken da, sondern dienen ausschließlich zur Verwirrung unserer Kundinnen und Kunden.

10. Wir danken für ihre Aufmerksamkeit.

Das Original dieser Parodie einer Kundeninformation entstand im Jahr 1984, während meines Maturajahrs an der Graphischen. Ich habe den Text vorsichtig – orthographisch wie inhaltlich – angepasst und um persönliche Erfahrungen der letzten Jahre erweitert.

Ich denke, diese „Kundeninformation“ hat heute nach wie vor ihre Gültigkeit, auch wenn sie selbstverständlich – genauso wie damals – mit der Realität nichts zu tun hat. Rein gar nichts, das weiß ich als begeisterter Fahrgast der Wiener Linien.

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Kategorien:Fahrten mit der U5, Glosse, Unterhaltung

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