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Rätselkrimi aus Wien: Die Nacht erwacht – Wer löst Inspektor Sklenskys vierten Fall?

Antike Druckmaschine (Foto: Handler)

Antike Druckmaschine (Foto: Handler)

Kapitel 1: Jänner in Wien

„Was zerst z’haas war, is jetzt z’kalt.“ sagt der Mann in der U-Bahn, der gegenüber von Sklensky steht. Dieser wiederum sinniert darüber nach, ob es besser wäre, wenn immer die gleiche Temperatur herrschen würde. Oder wenn die Leute immer die gleiche Stimmung hätten. Dann gäbe es wohl keine Verbrechen, aber möglicherweise auch keine Liebe.

„Steigen sie aus?“, fragt die Frau hinter ihm genau in diesem Moment und reißt ihn ruckartig aus seinen Gedanken, kaum dass der Wagen sich in Bewegung gesetzt hat. „Ja“, meint Sklensky sehr freundlich, „aber nicht während der Fahrt.“ An Liebe denkt er nun gar nicht mehr.

Der Tag hat ja überhaupt schon seltsam begonnen, erinnert er sich. Inspektor Hans Sklensky, Leiter der Sonderkommission für Verbrechen in Druckereien in Österreich, träumt ja meistens schlecht. Er ist seit einigen Jahren geschieden, das ist wohl der Grund für die schlechten Träume. Zumindest redet er sich das immer wieder ein.

Heute jedoch war der Traum auch für seine Verhältnisse mehr als ungewöhnlich gewesen: Er konnte plötzlich fliegen und hatte ein Treffen mit dem österreichischen Bundeskanzler. Mit diesem hat er dann Sushi gegessen, ein unglaublich riesengroßes Sushi-Buffet war das; und der Bundeskanzler war sehr interessiert an Sklenskys Ansichten zu Verbrechen in der Druckbranche. Hans Sklensky hat natürlich keine Ahnung, was ein solcher Traum bedeuten könnte. Möglicherweise hat es einfach nur mit der scharfen Tom-Yam-Suppe (F4) und dem großen gemischten Sushi (C12) zu tun, die er gestern Abend von seinem Koreaner ums Eck als Abendessen mitgenommen hat. Sklensky liebt Sushi.

Kapitel 2: Nachts im Ministerium

Doch der gestrige Abend ist längst vorbei. Während Sklensky heute morgen geduscht hat, hat sich schon seine Assistentin Simone gemeldet. „Da ist etwas passiert, Herr Inspektor, im Ministerium nämlich.“, hat sie auf den Anrufbeantworter gesprochen. „Sie sollen gleich dort hinfahren, haben die gesagt.“ Das alles fällt ihm nun wieder ein, als er aus der U-Bahn aussteigt.

Nach kurzem Fußmarsch im ersten Bezirk und einer deutlich längeren Wanderung durch die endlosen Gänge des Ministeriums steht Sklensky dann vor Sektionschef Schlüssel vom Ministerium für überschüssige Bürokratie. Der Sektionschef ist ein wohlbeleibter Mittfünfziger mit grauen Haaren und einer Nickelbrille im Retro-Stil. Das Büro des Sektionschefs bietet einen großartigen Blick auf den Wiener Stadtpark. Während Sklensky noch ein Werk des österreichischen Künstlers Karl Korab an der Wand bewundert, serviert die Sekretärin schon Kaffee und Apfelstrudel. Im Hintergrund spielt ein Radio österreichische Morgenmusik und ein paar Moderatoren bespaßen die Nation.

Schlüssel hat Sklensky angefordert, weil in der Hausdruckerei im Ministerium Seltsames passiert. „Meine Mitarbeiter – und Mitarbeiterinnen“ – dabei blickt sich der Sektionschef vorsichtig um – „die erzählen seit zwei Wochen davon, dass es in der Hausdruckerei spukt. Und gestern hat dieses Gespenst die neue Registrierkasse gestohlen.“

„Wie bitte?“, fragt Sklensky.

„Es spukt bei uns!“, wiederholt der Sektionschef, diesmal wesentlich bedeutungsvoller als beim ersten Mal. „Nein, wozu brauchen Sie hier im Ministerium eine Registrierkasse?“. Der Sektionschef seufzt. „Schauen Sie, die Hausdruckerei produziert auch für Kunden außerhalb des Ministeriums. Und die Kollegen von der Finanz haben gemeint, da brauchen wir ab Anfang des Jahres eine Registrierkasse. Dabei haben wir hier in der Sektion letztes Jahr das Finanzministerium bei der Gegenfinanzierung der Steuerreform beraten. Neben der Hausdruckerei leite ich hier nämlich auch die Abteilung, die andere staatliche Stellen bei der Weiterentwicklung der Bürokratie unterstützt. Es ist doch wirklich absurd: Die Registrierkassenpflicht hat eine Arbeitsgruppe hier in diesem Ministerium erfunden, Herr Inspektor. Und jetzt haben wir selbst hier eine Registrierkasse installieren müssen. Das ist doch wirklich überbordende Bürokratie!“, echauffiert sich der Sektionschef.

„Sie müssen es ja wissen.“, meint Sklensky. Das nun folgende peinliche Schweigen beendet Sklensky mit einer weiteren Frage: „Wie viel Geld war denn in der Registrierkasse?“ „Ich kann nur sagen: Mit dem ganzen Wechselgeld und den Einnahmen der letzten Wochen hat sich der Dieb einen schönen Urlaub leisten können.“ „Haben Sie schon einen Ersatz für die Registrierkasse?“, fragt Sklensky. „Nein, wir verwenden wieder das alte System: das Geld kommt in eine Lade.“ Verwundert fragt Sklensky: „Was sagen denn die Kollegen von der Finanz dazu?“. Der Sektionschef zerbricht einen Bleistift: „Wir haben schon den Strafbescheid zugestellt bekommen. Elektronisch.“, sagt er.

Sklensky hat das Gefühl, als ob er heute nur langsam zum Kern des Falles vordringen wird. „So, so, und das war also ein Gespenst, meinen Sie? Warum rufen Sie dann die Polizei und keinen Zauberer?“, provoziert er den Sektionschef weiter.

Dieser ist aber keineswegs erzürnt, er beugt sich vor, fasst Sklensky am Arm und bittet ihn: „Herr Inspektor, hören Sie sich doch bitte den Herrn Gammer an, und Sie werden sehen, dass hier nichts mehr mit rechten Dingen zugeht.“

Keine zwei Minuten später starrt Sklensky fasziniert auf den Ministerialbeamten Peter Gammer, den der Sektionschef zu sich ins Büro kommen hat lassen. In westösterreichischem Dialekt erläutert der Beamte, was er gestern nachts im Ministerium gesehen hat: „Da war eine Gestalt, oder, in einem schwarzen Umhang, oder, wo ganz laut geatmet hat, Herr Schlensky.“ Sklensky nickt und sagt: „Sklensky mit ‚K‘ bitte. Was haben Sie dann getan, als Sie das Atmen gehört haben?“. „Da bin ich weggelaufen, oder? Und heute morgen haben wir gesehen: Das hat die neue Registrierkasse mitgenommen, wo voller Geld gewesen ist.“, sagt Peter Gammer. „Wann war das?“, fragt Sklensky. „So um acht Uhr am Abend war das, oder“, erklärt Peter Gammer.

Der Sektionschef Schlüssel ist bemüht, eventuelle Probleme mit dem Arbeitszeitgesetz im Keim zu ersticken: „Die Mitarbeiter – und Mitarbeiterinnen – hier haben alle Gleitzeit! Und der Herr Gammer hat gestern ohne seinen Druckhelfer arbeiten müssen. Der war nämlich krank. Und gerade jetzt brauchen die vom Wirtschaftsministerium ganz schnell diese Broschüren.

Im Radio spielt man plötzlich einen Oldie von Hubert von Goisern: Mercedes-Benz.

„Na schau, ein Lieblingslied von mir!“, denkt sich Sklensky „Jetzt braucht nur mehr der Rath auftauchen und ich glaube, ich spinne.“

Sklensky ist wegen der Geschichte und wegen dem Lied verwirrt. Es ist natürlich nur ein Zufall, aber irgendwie kommt er sich gerade wie in einem Kriminalroman vor, in dem ein Autor mit seinen Hauptpersonen lauter absurde Sachen anstellt. „Na gut“, denkt Sklensky, „nehmen wir also einmal rein hypothetisch an, ich bin nur eine Figur in einer Geschichte. Also rein hypothetisch. Dann würde ich mal sagen: Lieber Autor, wie wär’s denn mit einem schönen Mercedes für mich? Dann muss ich nicht immer mit der U-Bahn fahren. Und ob du dir einen Mercedes für mich vorstellst oder eine U-Bahn, das ist doch ziemlich egal, oder?“. Gleich danach grübelt er aber weiter, Wünsche sollten ja einigermaßen realistisch sein, versucht er zu argumentieren. „Ein Golf täte ja schon reichen“, drückt er schließlich zwischen zusammengepressten Lippen hervor.

„Alles in Ordnung, Hans?“, fragt in diesem Moment Robert Rath, der ihn die ganze Zeit beobachtet hat. Nun ist Hans Sklensky vollends verwirrt. Robert Rath war doch vorher noch gar nicht da! Robert Rath, der ist in seinem Hauptberuf Drucker bei Subadruck im 21. Bezirk, und dort auch Betriebsrat. Daneben hat er mittlerweile in einigen Situationen geholfen und Sklensky bei der Auflösung seiner Fälle unterstützt.

„Was machst du denn hier?“, fragt Sklensky, dem nicht klar ist, wie Robert Rath plötzlich in diesen Fall geraten ist.

„Na ich ich kenn doch den Freund des Betriebsrates, der der Schwager ist von der Sekretärin. Der hat mich gebeten, hier zu helfen. Als ich von der Hausdruckerei gehört habe, war mir klar, dass du hier ermitteln wirst. Sonst gibt es ja in Österreich keinen Spezialisten für Verbrechen in Druckereien.“

Hans Sklensky freut sich über die unerwartete Hilfe, denn Robert Rath kennt sozusagen alle und jeden.

Sklensky steht auf und sagt zu Sektionschef Schlüssel: „Dann würden wir gerne mal mit den Leuten aus der Abteilung reden“.
„Natürlich“, sagt der Sektionschef. „Bitte folgen Sie mir!“ Er geht voran, durch endlos lange Gänge. Ohne Hilfe würde man sich hier verlaufen, denkt Sklensky. Nach einer kleinen Ewigkeit erreichen sie endlich die Hausdruckerei.

Anton Baulru arbeitet seit vielen Jahren hier als Druckvorstufentechniker, nachdem er das Kolleg an der Graphischen besucht hat. Auf seinem Bildschirm liegt ein Bergkristall. Er berichtet von seltsamen Geräuschen, vor allem am Abend. Das Ministerium ist sonst immer ruhig, meint er. „Und was sind Ihre Aufgaben hier?“, fragt Sklensky. „Ich schaue mir die Daten der Kunden an, korrigiere eventuell in den PDFs und einmal pro Jahr besuche ich ein Seminar von Stephan Jaeggi.“ Vom PDF-Papst Stephan Jaeggi hat Sklensky schon gehört. „Dieses Jahr ist es sich aber nicht ausgegangen, da war ich mit der Familie im Urlaub“. „Wo waren Sie denn da?“, fragt Robert Rath, den der Urlaub mehr zu interessieren scheint als die verschwundene Registrierkasse. „In Griechenland, in Astypalea.“ „Schöne Gegend“, sagt Sklensky, „Da war ich auch schon mal.“

Als nächstes reden Sklensky und Rath mit dem Drucker Harry Deuter. Der ist keine 30 Jahre alt und wirkt sehr engagiert. „Ich war gestern normal da. Der Kollege Gammer hat dann am Abend noch weitergedruckt. Mir ist eigentlich nichts Besonderes aufgefallen.“ Rath fragt auch Herrn Deuter nach seinem Urlaub. „Wir fahren eigentlich immer nach Griechenland, die letzten Male nach Kamari“. „Nette Gegend“, sagt Sklensky, „Da war ich auch schon mal.“

Dann ist der Buchbinder Franz Zaun dran. Er ist auch seit Jahren hier beschäftigt. Neben der Buchbinderei der Hausdruckerei, die hier im wesentlichen aus einer Schneidmaschine und ein paar kleinen Hilfsmaschinen zum Rillen, Prägen und Spiralisieren besteht, betreut Herr Zaun die Abrechnung. „Das mit der neuen Registrierkasse war gar nicht so kompliziert.“, sagt er. „Ich weiß nicht, was die Leute gegen diese Vorschrift haben. Die Abrechnung war doch viel einfacher so.“ Robert Rath fragt auch ihn nach seinem Urlaubsort. „Griechenland. Meistens ins gleiche Haus, in der Nähe von Kissamos“. „Feine Gegend“, sagt Sklensky, „Da war ich auch schon mal.“

Nach den Gesprächen sagt Robert Rath: „Es gibt einfach nichts Verdächtiges bei denen, das macht mich wahnsinnig.“

„Du hast ja auch nur nach dem Urlaub gefragt, Robert.“, mein Sklensky. „Aber du hast recht“, sagt Sklensky, der die Frustration des seines Freundes versteht. Es muss etwas passieren, damit der Schuldige sich aus der Deckung wagt. Und damit in diesem Fall etwas passiert, bleibe ich heute hier und übernachte.“ „Wie sieht es mit deiner Tagesarbeitszeit aus?“, fragt Rath. Sklensky zuckt nur mit den Schultern. „Dass du nachts einmal freiwillig im Ministerium bleibst, das hättest du dir vor 10 Jahren wohl auch nicht gedacht“, sagt Rath. Sklensky lacht, denn Rath hat natürlich recht. Und so etwas wie ein maximale Tagesarbeitszeit kennt er – anders als Rath – nicht.

„Da haben Sie ja schon mit allen geredet “, sagt Sektionschef Schlüssel, als sie nach den Gesprächen wieder bei ihm stehen. „Nur der Jodr ist heute nicht da. Der hat sich einen Krankenstandstag genommen.“ „Yoda?“, fragen Sklensky und Rath wie aus einem Mund. „Yussuf Jodr, ja“, erklärt der Sektionschef, „unser Druckhelfer stammt aus Anatolien. Er ist eine echte Stütze, ich bin froh, dass ich so schnell für ihn eine Arbeitsbewilligung bekommen habe.“

„Na gut“, sagt Sklensky zum Sektionschef, „mit dem möchte ich dann morgen reden. Und dann habe ich noch eine große Bitte: Ich möchte heute Nacht in der Hausdruckerei bleiben. Vielleicht kommt das Gespenst ja noch einmal vorbei. Bitte informieren Sie alle Mitarbeiter in der Hausdruckerei.“

„Ich stimme natürlich zu“, sagt der Sektionschef bedächtig. „Kümmern wir uns gleich um die Formalitäten!“. Mehrere Stunden und vier große Tassen Kaffee später hat Sklensky alle von Sektionschef Schlüssel vorgelegten Formulare ausgefüllt und unterschrieben. Damit hat er nun formell die Erlaubnis, nach Dienstschluss zu Ermittlungszwecken im Ministerium bleiben zu dürfen, allerdings auf eigenes Risiko und Gefahr. Der Portier ist informiert und wurde angewiesen, alle zwei Stunden in der Hausdruckerei nachzusehen, ob bei Sklensky alles in Ordnung ist.

Kapitel 3: Die Nacht erwacht

Hans Sklensky bleibt also einer Eingebung folgend heute im Ministerium, Robert Rath fährt nach Hause.

Um sechzehn Uhr sind hier alle weg. Gedruckt wird heute anscheinend nicht bis acht Uhr. Sklensky sitzt mit einer Tasse Tee neben der Digitaldruckmaschine und liest einen Fall von Sherlock Holmes: „The Greek Interpreter“. Nach zwei Stunden, gegen 18 Uhr, schaut der Portier vorbei. Dann passiert lange nichts. Sklensky überlegt gerade, ob er eine Runde durch die Hausdruckerei gehen sollte, um den Beginn der Langweiligkeit zu umgehen, als ihm plötzlich etwas auffällt: Er hat eine Gänsehaut bekommen und es läuft ihm kalt über den Rücken.

Plötzlich geht das Licht aus und Sklensky hört jemand laut atmen. Der Inspektor zuckt zusammen. Er versucht, das Geräusch zu lokalisieren. Während er noch in die Dunkelheit hineinschaut, greift ihn jemand von hinten an. Sklenskys Training ist zwar schon lange her, aber seine Reflexe funktionieren noch. Mit einem gezielten Schlag löst er sich aus der Umklammerung und fährt herum. Da ist wieder das laute Atmen. Sklenskys Augen haben sich schon ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt und er sieht vor sich eine dunkle Gestalt mit einer Kapuze. Unter der Kapuze leuchten die Augen – ganz deutlich leuchten die Augen in einem dunklen Rot. Sklensky fühlt sich an die Bösewichter in Star Wars erinnert und versucht ruhig zu bleiben: „Polizei! Bleiben Sie ruhig stehen!“, befiehlt er. Die Gestalt wirbelt durch den Raum, ist fast nicht zu erkennen. Nur das laute Atmen ist da. Dann greift der Unbekannte wieder an. Bald liegt Sklensky unten, bald ist die Figur mit den roten Augen oben. Dann kann Sklensky sich losreißen. Doch der Angreifer ist schon wieder verschwunden. Sklensky dreht sich herum, versucht die roten Augen zu finden. Er hört ein leises Zischen, spürt einen Schlag und verliert das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kommt, blickt er in die Augen von Alfons Übel, dem Gerichtsmediziner, der ansonsten die Leichen untersucht. „Na bravo“, sagt Sklensky, „bin ich schon tot?“

„Natürlich nicht!“, sagt der stets auf Korrektheit bedachte Arzt. „Ich war gerade in der Nähe und kenne mich auch mit Lebenden aus. Die haben die gleiche Anatomie, Herr Sklensky. Der Portier hat Sie gefunden und Alarm geschlagen“. „Der Typ hat leuchtende rote Augen gehabt, wie ein Sith-Lord!“, sagt Sklensky atemlos. „Ja, natürlich“, beruhigt ihn der Gerichtsmediziner, „das stammt wahrscheinlich von dem Schlag auf den Kopf. Sie haben riesiges Glück gehabt, außer einer Beule wird Sie morgen schon nichts mehr an den Schlag erinnern. Seien Sie einfach froh, Herr Sklensky, dass ich Sie heute noch nicht aufschneiden muss. Ich würde Ihnen aber auf jeden Fall empfehlen, sich ins Krankenhaus zur Beobachtung zu begeben.“

„Selbstverständlich“, sagt Sklensky, was in der Sprache eines Inspektors soviel heißt wie „Sicher nicht“. Der Gerichtsmediziner Alfred Übel versteht den Inspektor auch richtig und schärft ihm ein, dass er zumindest nach Hause fährt und sich ausruht.

Das tut Sklensky dann auch. Während der Fahrt mit U-Bahn denkt Sklensky über die seltsame Nummerierung der Wiener U-Bahn-Linien nach. Er fährt heute mit der U6, die die älteste U-Bahn in Wien ist, während eine U5 erst nach 2020 gebaut werden wird.

Mittlerweile ist es halb zehn geworden und er ist zu Hause angekommen. Er prüft den Inhalt des Kühlschranks und atmet einmal durch. Er weiß genau, was ihm jetzt gut tun wird: Penne mit Sugo, nach seinem altbewährten Rezept.

Rezept Penne mit Sugo
Zutaten Olivenöl
4/8 Rotwein
Penne
1/2 kg Faschiertes (am besten vom Rind, zur Not kann es auch gemischtes Faschiertes sein)
1 Dose kleingeschnittene Paradeiser (können auch Tomaten sein)
Salz, Pfeffer, Oregano
Muskatnuss (zum Reiben).
Zubereitung Man nimmt 1/8 Rotwein und gießt es in den Koch.

In der Pfanne erhitzt man das Olivenöl, bis es fast raucht und gibt das Faschierte dazu.

Dann lässt man das Faschierte darin braten, und zwar so lange, bis es schön Farbe angenommen hat (also braun geworden ist).

Nun kommen die Paradeiser und das zweite Achtel Rotwein dazu.

Die Hitze reduzieren, mit Salz, Pfeffer, fast zuviel Oregano und ein wenig Muskatnuss würzen, die Pfanne zudecken und das Fleisch rund zwanzig Minuten (oder auch weitere 2/8 Rotwein für den Koch) ganz langsam köcheln lassen.

Irgendwann dazwischen sollte man die Penne laut Anweisung kochen.

Vor dem Servieren das Sugo mit Muskatnuss abschmecken und alles heiß servieren.

Für Sklensky ist das Kochen immer eine meditative Tätigkeit, und er wird im Laufe des restlichen Abends deutlich ruhiger. Natürlich kann das auch am Rotwein liegen, denn als er zu Bett geht, ist die Flasche ziemlich leer. Er hat über den Angreifer von heute nachgedacht und ist zu keinem Ergebnis gekommen. Die ganze Geschichte mit einem Typen, der sich als Sith-Lord verkleidet; es klingt alles so unvernünftig.

Kapitel 4: Weiter im Text

Am nächsten Morgen fährt Sklensky wieder mit der U-Bahn quer durch Wien ins Ministerium. Der Sektionschef Schlüssel bittet ihn wieder in sein Büro. Während Sklensky erneut die wunderbare Aussicht über den Wiener Stadtpark genießt, drückt der Sektionschef sein Bedauern über den gestrigen Angriff aus und fragt Sklensky, was er denn als nächstes vorhabe. Sklensky bedankt sich höflich für die Fürsorge und dann erklärt er „Ich mach weiter im Text. Als nächstes rede ich einmal mit dem Druckhelfer, Herrn Jodr“.

Danach geht er wieder durch die endlos langen Gänge des Ministeriums, bis er bei der Hausdruckerei ankommt.

Den Druckhelfer Yussuf Jodr findet er direkt vor der großen Digitaldruck-Produktionsstraße, die vollautomatisch Bücher produziert. Sklensky betrachtet die Maschine fasziniert. Vorne wird das Papier über eine Papierrolle zugeführt, bedruckt, geschnitten, mit dem Umschlag versehen und hinten kommen die fertigen Broschüren heraus: „Das papierlose Büro in Theorie und Praxis“. Jodr ist nicht besonders groß und im Vergleich zur Produktionsstraße hinter ihm wirkt er noch kleiner. Während Sklensky sich ein wenig wundert, warum man bei einer vollautomatischen Digitaldruckmaschine Drucker und sogar Druckhelfer benötigt, erzählt ihm Jodr unaufgefordert alles, was er weiß: „Vier Jahre ich hier arbeite. Gestern Krankenstand ich war. Rest letztes Jahr. Der Schuldige, selbst verraten er sich wird.“ Während Sklensky sich noch fragt, ob die Ausdrucksweise an Jodrs Migrationshintergrund oder an einer Zugehörigkeit zu einem okkulten Orden liegt, gibt es plötzlich einen lauten Krach. Eine Tonerkartusche ist unvermittelt von der Druckmaschine gefallen. Jodr schreit: „Das Gespenst! Allah kerîm!“ und läuft hinaus.

Sklensky bleibt alleine zurück. „Jetzt wird es aber unübersichtlich“, grummelt er. Mittlerweile hat er nämlich alle Mitarbeiter der Hausdruckerei im Ministerium für überschüssige Bürokratie befragt und er hat immer noch keine Idee, wer die Registrierkassa gestohlen haben könnte. Das Gespräch und der seltsame Vorfall mit dem kleinen Druckhelfer haben ihn auch nicht weitergebracht.

„Haben Sie denn schon eine Idee?“, bohrt der Sektionschef Schlüssel wenig später dann in Sklenskys offener Wunde. Sie sitzen beim gemeinsamen Mittagessen im Kaffeehaus ums Eck, mitten im ersten Bezirk. Man serviert heute geröstete Kalbsnieren. „Sagen Sie, Herr Sklensky: Ein Gespenst, das kann es doch nicht geben, oder was meinen Sie?“

Geister oder Gespenster halte ich als Arbeitshypothese für entbehrlich. Aber ich gebe zu: Es ist hier alles noch ein bisschen unübersichtlich. Ich bin mir sicher, dass wir in Kürze etwas finden werden.“, gibt sich Sklensky optimistisch. „Na, dann ist ja gut,“ sagt der Sektionschef.

Doch kaum haben Sie das Kaffeehaus verlassen, da läutet Sklenskys Mobiltelefon. Es ist eine anonyme Nummer. Sklenksy hebt ab und sagt: „Kann ich Ihnen helfen?“. Er hört ein undefinierbares Keuchen, das ihm sehr bekannt vorkommt. Dann sagt eine heisere Stimme: „Das ist die letzte Warnung. Hör auf oder du wirst nie wieder in Kreta Urlaub machen. Denn dann spürst du, wie die Nacht erwacht.“ Die Stimme klingt bedrohlich.

Sklensky legt auf. „Na also, wir haben schon einen dringenden Tatverdächtigen.“, sagt er einfach, während der Sektionschef ihn ungläubig anstarrt.
Eine halbe Stunde später hat der Tatverdächtige gestanden und der Fall ist gelöst.

„Das war fast zu einfach“, denkt sich Sklensky, als er das Ministerium verlässt. Er steigt in seinen ozeanblauen Golf und beginnt mit der Fahrt nach Hause. Den Golf hat er letztes Jahr von einem Beamten vom Amt für Weihnachtsdekoration günstig gekauft.

Wen hatte Inspektor Sklensky in Verdacht und warum?

Zur Lösung

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Kategorien:Krimi

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