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Bullet Journal – Die Rückkehr des Papierplaners

Einfach und praktisch: So kann ein Bullet Journal aussehen.

Einfach und praktisch: So kann ein Bullet Journal aussehen.

Ein Hype geht derzeit durch die Social Media: Bullet Journal. Vor allem jüngere Kreative, die im Internet aufgewachsen sind – die Digital Natives – schwören plötzlich auf Papierkalender und eine Methode der Selbstorganisation mit dem Namen Bullet Journal.
Handelt es sich dabei um eine Renaissance des Papiers? Ist ein Papier-Kalender besser als ein elektronischer? Kann ich mich mit einem Bullet Journal besser organisieren als mit Evernote?
Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Sind die Digital Natives vielleicht dahinter gekommen, dass sich auch durch elektronische Aufgabenlisten die Arbeit nicht von selbst erledigt?

Was ist Bullet Journal?
Bullet Journal ist eine einfach zu erlernende Technik der handschriftlichen Selbstorganisation auf Papier. Dabei wird ein Notizbuch verwendet; und es werden einfache Zeichen genutzt (Punkte, Kreise, Linien), um Aufgaben oder Termine zu kennzeichnen.
Ein Bullet Journal funktioniert mit jedem Notizbuch: Das kann das Original Bullet Journal sein, oder ein feines Moleskine oder einfach auch ein mehr oder weniger elegantes Billigteil.
Die wesentlichen Organisationsmethoden sind ein Index, um alle Einträge wiederzufinden, und ein Monatskalender, der vor allem der Planung dient. Und dann vor allem der Prozess des Übertragens von Aufgaben auf die nächste Periode (bei Bullet Journal „Migration“ genannt): In regelmäßigen Abständen – bei Bullet Journal monatlich – geht man offene Einträge durch und überprüft, was noch relevant ist.
Erfunden wurde die Technik von Ryder Carroll, einem jungen Designer aus Brooklyn, der ansonsten fest in der digitalen Welt verwurzelt ist.
Vor allem bei Digital Natives, die vorher nie eine Organisation auf Papier kennengelernt haben, hat diese Technik im letzten Jahr eingeschlagen. In Blogs und Social Media berichten Menschen, wie sie mit dieser einfachen Technik und einem Notizbuch ihre Selbstorganisation extrem verbessert haben. Digital Immigrants werden viele dieser Techniken an Zeiten erinnern, in denen wir unser Leben in ledergebundenen Organisern aus Papier gespeichert hatten.

Was macht den Erfolg von Bullet Journal aus?
Ich denke, es sind vor allem drei Aspekte, die der Grund für den Erfolg von Bullet Journal sind:
Erstens: Die planende Beschäftigung mit den eigenen Aufgaben hilft bei der Strukturierung und Prioritätensetzung. Die Rückschau ist mindestens genauso wichtig, denn sie hilft beim Bewerten und Verbessern des eigenen Tuns.
Ein Beispiel: Im elektronischen Kalender ist Monat vorbei und wird automatisch archiviert. Im Papier-Kalender muss man das Monat jedoch aktiv abschließen. Das hilft dabei, alles noch einmal durchzugehen, nicht mehr notwendig Aufgaben auszumisten, das eigene Verhalten zu bewerten, die guten und schlechten Angewohnheiten herauszufinden und sich so ein Stück weit zu verbessern. Auch bei einer elektronischen Selbstorganisation wird der Profi solche Reflexionsschleifen einbauen (als wiederkehrende Aufgabe am Ende der Woche oder des Monats beispielsweise).
Ob elektronisch oder auf Papier, es ist immer sinnvoll, diese Zeit zu investieren. Bullet Journal nennt diesen Prozess Migration, nimmt ihn in die Methodik auf und weist ausdrücklich darauf hin, dass eine solche Angewohnheit Zeit benötigt und sehr hilfreich ist.

Zweitens: wird durch die Bewegung beim Schreiben der Geist geweckt. Schon die alten Griechen philosophierten gerne im Gehen. Hier wird die Kreativität aktiviert und viele Menschen fangen erst dann an, wirklich gute Ideen zu haben, wenn sie schreiben. Kreative lieben ihr Bullet Journal auch deshalb, weil sie nebenher Skizzen oder Kritzeleien anbringen können. Manche dieser Journale werden kleine Kunstwerke.

Drittens: Nur bei einem Journal aus Papier steht wirklich nichts zwischen der Kreativität und dem Medium. Diese vollkommene Transparenz ist genau das, was die Apps und Programme seit Jahren für Computer erreichen wollen: Schreiben wie auf Papier. So gesehen ist Papier die beste aller möglichen Apps.

Im Netz machen sich manche digitale Selbstorganisierer über die Bullet-Journal-User lustig. Geht nicht in der U-Bahn, funktioniert nicht, wenn man das Heft vergisst, synchronisiert nicht mit dem iPad und schon gar nicht mit Evernote und so weiter. Die Vorbereitungszeiten und Zeiten für die Übertragung von Aufgaben von einem Tag auf den anderen und für eine Indizierung seien zu lang. Alles das funktioniere in der digitalen Welt besser.

Wo sind die Grenzen einer Papierorganisation?
Natürlich hat auch ein Bullet Journal seine natürlichen Grenzen: Will man sich im Team organisieren, zeigen elektronische Lösungen sehr schnell ihre Vorteile. Gemeinsame Aufgaben oder das Arbeiten an Projekten lassen sich über elektronische Werkzeuge meist schneller lösen.
Doch auch im Team wird nicht jeder und immer in der elektronischen Welt unterwegs sein. Ganz im Gegenteil: Aufmerksamer beim Meeting bleibt man sicher, wenn man alles zunächst in einem Notizbuch notiert. Das anschließende Übertragen in eine Aufgabenliste wird einfacher und schneller, wenn man sich einfache Symbole wie bei Bullet Journal angewöhnt, die standardisiert immer das Gleiche bedeuten. Beim Übertragen in eine elektronische Liste wird auch das Unwichtige aus der Mitschrift gleich hinausgefiltert und nur die wesentlichen Dinge landen im elektronischen Projektmanagement.
Was spricht weiters dagegen, kreative Einfälle auf Papier in die elektronische Welt einfließen zu lassen? Über die allgegenwärtige Kamera des Smartphones lassen sich kreative Einfälle auf Papier schnell in die Cloud transferieren. Tools wie das Creative Cloud Moleskine oder die Evernote Pagecam bzw. die App Evernote Scannable helfen mit zusätzlicher Funktionalität bei der Überbrückung der Grenze.

Fazit
In Wirklichkeit stellt sich die Frage nach einem Entweder-Oder gar nicht, denn das eine schließt das andere ja nicht aus. Was spricht denn dagegen, ein Aufgabenmanagement über ein Bullet Journal, den Kalender elektronisch (im Team) und die Ablage mit Evernote zu organisieren?
Es gibt viele Argumente, die für eine völlige Rückkehr zur Papierorganisation sprechen und ebenso einige, die dagegen sprechen. Für alle, die alleine arbeiten, gerne auf Papier schreiben oder zeichnen, ist ein Bullet Journal sicher eine lebbare Alternative oder die Ergänzung zu der elektronischen Organisation, wenn man das will.
Für alle, die im Team arbeiten, wird meist eine digitale Organisation zunächst sinnvoller erscheinen. Das gilt vor allem für die Zusammenarbeit; auch hier können Hilfen auf Papier als vernünftige Ergänzung dienen.
Welche Lösung die bessere ist, bleibt wohl offen und wird auch von der Persönlichkeitsstruktur abhängen. Am besten ist wahrscheinlich, beides gleichzeitig zu nutzen und nach Bedarf von der einen zur anderen Welt zu wechseln. Dafür gibt es Tools genug, sowohl analog als auch digital.
Sicher ist auf jeden Fall: Egal ob elektronisch oder auf Papier, erledigen muss man die Aufgaben immer noch. Das beste Werkzeug ist das, das zur Erledigung der Aufgaben anregt.

Links

Zur Website von Bullet Journal

Der Erfinder von Bullet Journal über Evernote und Bullet Journal

Das Moleskine-Notebook für die Creative Cloud

Blogeinträge von mir zum Thema

Evernote und Moleskine – wie das papierlose Büro mit Papier so richtig produktiv wird

Über Evernote Scannable

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Kategorien:Leben, Selbstmanagement

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