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Glosse: Ist die Zeit reif, um Bücher zu streamen?

Analoge Bücher sind nicht auszurotten(Bild: C. Handler)

Analoge Bücher sind nicht auszurotten (Bild: C. Handler)

Derzeit kommt Bewegung in die Medien, aktuell wird gerade über den Buchmarkt diskutiert, denn der Online-Händler Amazon greift mit seinem Dienst „Kindle Unlimited“ die Verlage und Buchhändler direkt an. Um rund 10 Euro pro Monat soll man unbegrenzt E-Books lesen können. Damit wird zum ersten Mal im Buchbereich ein Verleihmodell eines großen Konzerns vorgestellt, das das Zeug haben kann, die Branche zu revolutionieren. Ist das nun das Ende des gedruckten Buches?

Wie sieht es bei anderen Medien aus?

Netflix ist im September 2014 in Österreich angekommen und zeigt schon sehr deutlich, dass unser Musik- und Videokonsum in Zukunft wohl hauptsächlich über Streamingdienste funktionieren wird. Im Musikbereich zeigen Dienste wie „Spotifiy“ schon länger, wie die Musikindustrie der Zukunft funktionieren kann.

Die Vorteile für Konsumentinnen und Konsumenten liegen bei gestreamten Musik und Filmen auf der Hand: eine attraktive Monatsgebühr – in der Größenordnung einer „Kauf-CD“ – ermöglicht Zugriff auf einigermaßen umfassende Bibliotheken. Natürlich kann Netflix um den Preis nicht alle denkbaren Filme anbieten. Ein einziger Dienst wird im Videobereich nicht reichen, gemeinsam mit großen Anbietern werden Nischenanbieter wie das österreichische Flimmit eine umfassende Versorgung bieten können. Im Musikbereich decken Dienste wie „Spotifiy“ fast die gesamte Palette der Musik ab, bis auf wenige Exoten.

Aus Sicht der Urheber haben alle diese Dienste den Vorteil, dass die Konsumentinnen und Konsumenten nie in die Versuchung geraten können, zu glauben, dass Ihnen die Musik oder die Filme „gehören“. Auch durch den „Kauf“ einer CD oder einer DVD erwirbt man ja nicht die gesamten Rechte am Werk, sondern eben nur ein beschränkte Nutzungsrecht.

In analogen Zeiten, als alle Kopien noch schlechter als das Original waren, konnte man nur deutlich schlechtere Kopien des „gekauften“ Originals weitergeben (Wer erinnert sich heute noch an Kassettenrecorder?). So war das Geschäftsmodell der Musik- und Filmindustrie erfolgreich, bis die Digitaltechnik originalgetreue Kopien möglich machte. Der Versuch, das analoge Vertriebsmodell auch in der digitalen Welt weiter zu „melken“, war für die Musik- und Filmindustrie ein Flop. Digitale Kopien eroberten die Welt und das Wettern gegen Tauschbörsen half nichts. Erst eine Anpassung der Preise auf ein aus Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten „faires Preisniveau“ – zunächst über Apple iTunes-Store, heute über Streaming-Dienste wie Spotify – hat das Geschäftsmodell wieder stabilisiert.

Warum werden Bücher noch nicht so intensiv digital genutzt wie Musik oder Filme?

Bei Büchern funktioniert das analoge Modell noch immer, denn die Buchindustrie hat die Fehler der Musikindustrie nicht wiederholt. Bei den Büchern haben sich digitale Rechte und Verschlüsselungen ganz gut etabliert (Haben Sie schon eine „Raubkopie“ von einem E-Book bekommen?). E-Books können deshalb immer noch recht teuer verkauft werden (typischerweise 80 % des Preises eines Taschenbuchs) und das, obwohl Taschenbücher deutlich länger haltbar sind und genauso wie E-Books eine sekundäre oder tertiäre Verwertung des Stoffes sind.

Eine weitere Besonderheit im Buchmarkt ist nach wie vor die Vorherrschaft des analogen Buches. Das liegt zunächst ganz einfach an der haptischen Attraktivität des Buches. Zum zweiten an der Langlebigkeit des analogen Mediums Papier. Wenn ein elektronisches Buch wie der Kindle bereits den digitalen Löffel abgegeben hat, funktioniert das Papierbuch noch immer. Und zum dritten funktionierte ein analoges Buch immer ohne Abspielstation. Für Musik und Filme haben wir immer schon Geräte benötigt, da war der Schritt zum digitalen Geschäftsmodell nur mehr ein recht kleiner. Während im Musikbereich nur mehr eine kleine Gemeinde auf Schallplatten schwört und analoge Medien praktisch komplett durch digitale ersetzt wurden, zeigt das gedruckte Buch immer wieder klare Lebenszeichen.

Alles das wird auch durch „Kindle Unlimited“ nicht anders werden. Amazon versucht damit, eine komplett neue Käuferschicht anzusprechen und zwar buchaffine Personen, die bisher noch gar nicht auf elektronischen Geräten gelesen haben. Für die Verlage ist das Angebot von Amazon aber ernst zu nehmen, die Hochpreispolitik für E-Books wird wohl bald ein Ende haben. Verständlicherweise steigen nun die Autorinnen und Autoren gemeinsam mit den Verlagen auf die Barrikaden um ihre (wohlerworbenen) Rechte zu verteidigen. Am Ende wird auch hier der Markt entscheiden, wer gewinnt.

Was wird mit dem Buchmarkt in Zukunft passieren?

Auch im Buchmarkt werden sich neue Gleichgewichte etablieren müssen, die attraktive Preise für die Konsumenten und gleichzeitig Geld für die Urheberinnen und Urheber bieten. Die hohen Preise für E-Books werden sich auf Dauer sicher nicht halten können. Die Verleger werden neue Modelle finden müssen, mit denen sie überleben können.

Dem gedruckten Buch aber sagen alle ein langes Leben voraus, auch wenn die Marktanteile möglicherweise sinken werden. Eine Zukunft, in der wir alle Bücher streamen, die wird es wohl nicht geben.

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Kategorien:Druckbranche, Glosse, Immaterialgüterrecht, Medienrecht, Unterhaltung

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