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Kalte Progression: Warum 2 % brutto nicht 2 % netto sind

In den aktuellen Lohnverhandlungen wird immer wieder betont, dass eine Lohnerhöhung von 2 % brutto bedeutend weniger Prozente netto für die Dienstnehmer herausschauen lässt. Und dass die „kalte“ Progression daran schuld sei. Warum ist das so?

Hätten wir eine sogenannte „Flat Tax“, die jeden Euro Einkommen gleichmäßig besteuert, dann würde jede Lohnerhöhung netto (nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung) genau so viel bringen wie brutto (vor Abzug).

Dazu ein Beispiel:
Nehmen wir an, der Anteil der Abgaben betrage 30 % des Bruttolohns und eine Arbeitnehmerin erhält 2.000 Euro brutto. Dann bekommt sie netto 1.400 Euro.

Nun steht eine Lohnerhöhung von 2 % an. Das macht 40 Euro brutto, der neue Lohn beträgt also 2.040 Euro brutto. Nach Abzug der angenommenen 30 % bleiben netto 1.428 Euro, das sind – nicht weiter verwunderlich – genau 2 % mehr als die ursprünglichen 1.400 Euro.

Eine Lohnerhöhung von 2 % brutto bringt also bei einer „Flat Tax“ auch immer 2 % netto mehr im Geldbörserl. Natürlich schmerzt der Vergleich der absoluten Differenzen dann immer noch – 40 Euro brutto bringen im Beispiel „nur“ 28 Euro netto, weil der Rest als Abgaben abgezogen wird. Relativ gesehen ist die Erhöhung aber die gleiche.

Aus sozialpartnerschaftlicher Sicht ist eine solche Besteuerung auch „fair“, denn die Kosten der UnternehmerInnen erhöhen sich um dieselben Prozentsätze wie die Nettoeinkommen der DienstnehmerInnen.

Wie funktioniert die „Kalte Progression“?

Das österreichische Steuersystem basiert auf einem Stufentarif (stufig-progressiver Tarif). Ein Jahreseinkommen bis 11.000 Euro wird dabei gar nicht, jeder Euro darüber mit 36,5 % versteuert. Ab einem Jahreseinkommen von 25.000 Euro zahlt man 43,2143 % Steuer für jeden weiteren Euro und ab einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro sind für jeden weiteren verdienten Euro schließlich 50 % an Einkommensteuer zu bezahlen.

Das führt dazu, dass Einkommenserhöhungen immer mit dem höchsten Steuersatz besteuert werden. Dadurch kommt in den meisten Fällen prozentmäßig nur deutlich weniger bei den ArbeitnehmerInnen an als die Einkommenssteigerung und damit die Kostenerhöhung brutto ausmacht. Und dass BezieherInnen niedrigerer Einkommen eher benachteiligt werden. An den Stufen der Steuerprogression sind die relativen Verluste am Realeinkommen höher als vorher und nachher.

Die Grafik zeigt deutlich, dass bei einer angenommenen Inflation von 2 % und einer gleich hohen Brutto-Einkommenssteigerung brutto die Änderung des Einkommens real gesehen negativ ist (rote Kurve), die DienstnehmerInnen also an Kaufkraft verlieren.

Sozialpartnerschaftlich ist ein solches System besonders unangenehm, da jede Lohnerhöhung in den Kosten für die ArbeitgeberInnen eben voll durchschlägt, bei den ArbeitnehmerInnen allerdings als eine deutlich niedrigere Erhöhung ankommt. Konflikte sind also vorprogrammiert und könnten nur durch eine laufende Anpassung der Stufen im Einkommensteuertarif an die Preisentwicklung entschärft werden. Daran wiederum ist natürlich der Staat nicht interessiert, denn durch das System der kalten Progression erhöht sich das Steueraufkommen pro Jahr quasi automatisch.

Die „Kalte Progression“ in der Sozialversicherung

Auch in der Sozialversicherung gibt es ähnliche Effekte, die dazu führen können, dass ein Dienstnehmer sogar absolut gesehen weniger erhält als vorher.

Ein Beispiel ist die Arbeitslosenversicherung, die gestaffelt nach Einkommen zu zahlen ist. Bis zu einem monatlichen Einkommen von 1.246 Euro beträgt sie 0 %, bis 1.359 Euro 1 %, bis 1.530 Euro 2 % und darüber 3 %. Das führt dazu, dass Einkommenserhöhungen noch weniger beim Dienstnehmer ankommen, wenn das Einkommen in der Nähe dieser Grenzen liegt.

Auch dazu ein Beispiel:
Wenn ein Arbeiter also gerade 1.246 Euro brutto verdient, erhält er 1.040,11 Euro netto.

Nach einer Lohnerhöhung von 2 % sind es 1.270,92 brutto und 1.045,47 Euro netto. Die Bruttoerhöhung von 2 % führt also zu einer Nettoerhöhung von sogar nur 0,52 %, also noch geringer als oben.

Bei Einkommen, die über der Höchstbeitragsgrundlage liegen (im Jahr 2014 beträgt diese 4.530 Euro monatlich), können sogar absolut Einkommensverluste entstehen, da diese Höchstbeitragsgrundlage jährlich angepasst wird.

Ein letztes Beispiel:
Ein Angestellter verdient heuer 4.800 Euro brutto, er erhält 2.767,66 Euro netto. Im Jänner 2015 wird die Höchstbeitragsgrundlage auf 4.650 angehoben und er erhält ab Jänner nur mehr 2.755,26 Euro, verliert also absolut 12,40 Euro pro Monat.

Fazit

Eine Lohnerhöhung von 2 % brutto bedeutet für die UnternehmerInnen eine Kostensteigerung von 2 %, soviel ist sicher. Die DienstnehmerInnen erhalten allerdings eine Nettoerhöhung, die meist weniger als 2 % netto ist. Und auch die Sozialversicherung hält Überraschungen bereit.

Siehe auch

http://de.wikipedia.org/wiki/Kalte_Progression

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Kategorien:Betriebswirtschaft, Steuerrecht

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