Glosse: Warum bei uns Zeitschriften „vierzehntägig“ erscheinen – ein Blick in die österreichische Seele

Die Traiskirchner "Gemeindepost" erscheint seit Jahren vierzehntägig. (Von: www.traiskirchen.gv.at)

Die Traiskirchner „Gemeindepost“ erscheint seit Jahren vierzehntägig. (Von: http://www.traiskirchen.gv.at)

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir in Österreich das Wort vierzehntägig gerne falsch verwenden?
Viele österreichische Zeitschriften geben an, dass sie vierzehntägig erscheinen und meinen dabei eine vierzehntägliche Erscheinungsweise.
Korrekt gesehen beziehen sich nämlich Zusammensetzungen mit „tägig“ auf eine Zeitdauer, Zusammensetzungen mit „täglich“ auf ein Intervall.
So dauert ein dreitägiges Fasten drei Tage, eine alljährliche Wallfahrt findet im Jahresrhythmus statt und so weiter.
Und bei einer Zeitschrift, die vierzehntäglich erscheint, wird alle zwei Wochen eine neue Ausgabe herauskommen. Ganz anders bei einer Zeitung, die zum Beispiel nur zwei Wochen lang erscheint, vielleicht während einer Messe – diese erscheint vierzehntägig und dann nie wieder.
Warum erscheinen dann in Österreich Zeitschriften regelmäßig vierzehntägig? Ich denke, solche kleinen systematischen Fehler entstehen nicht zufällig, sondern haben eine tiefere Bedeutung.
Aufmerksame Leserinnen meiner Kolumne werden mir nun antworten, dass ich selbst an dieser Stelle die Kreativität in der Sprache eingefordert habe und deshalb nicht alles so tierisch ernst nehmen sollte. Sprache ist ja  redundant und gerade bei einem Ausdruck im Zusammenhang mit der Erscheinungsweise wird wohl keine Fehlinterpretation möglich sein.
Dem möchte ich zunächst eine leichtere Lesbarkeit im Sinne der Notwendigkeit von Präzision entgegenhalten. Nur weil viele Leute mittlerweile „udn“ und „nihct“ schreiben, bedeutet das noch lange nicht, dass diese Schreibweise dadurch richtig wird. Eine korrekte Sprache erleichtert das Lesen auf jeden Fall, auch wenn fehlerhafte Varianten dennoch richtig interpretiert werden.
Ich glaube eben, dass der Ursprung dieses Fehlers tiefer liegt und uns einen ebenso tiefen Blick in die österreichische Seele gestattet.
Ich vermute, es handelt sich hier um eine österreichische Spezialität in der Wahrnehmung. Das „vierzehntägige“ Erscheinen bezieht sich auf die Zeit zwischen den Ausgaben und zeigt das in Österreich so beliebte Denken in Mängeln und ein raunzendes Jammern über das lange Warten.
Deshalb sei mir hier ein Aufruf an alle fröhlichen Verleger in Österreich gestattet: lassen Sie Ihre Zeitschriften wieder vierzehntäglich erscheinen und wir werden die vierzehntägige Wartezeit auf die neue Ausgabe zweiwöchentlich ertragen können!

2 Gedanken zu “Glosse: Warum bei uns Zeitschriften „vierzehntägig“ erscheinen – ein Blick in die österreichische Seele

    • Es waren im konkreten Fall fast 10 Jahre, in denen ich die vierzehntägliche Erscheinungsweise nicht hinterfragt habe. Das zeigt ja, wie normal uns Österreichern das erscheint.

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