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Die Welt der Technologie und der Medien

Glosse: Passt die Urheberrechte dem digitalen Zeitalter an!

Eine CD vor der Jahrtausendwende zeigt als Preis noch heute undenkbare 219,–Schilling (heute rund 30 bis 40 Euro)

Warum gibt es eigentlich überhaupt Urheberrechte und Patentrechte?
Wir sollten uns am Beginn der Überlegungen vergegenwärtigen, dass das Grundprinzip unserer Wirtschaftsordnung der freie Markt ist. Monopole oder Absprachen, die letztendlich künstlich Preise erhöhen, sollen nach Möglichkeit vermieden werden.
Könnte aber jeder nach Lust und Laune aber Werke oder Erfindungen von anderen kopieren, so wird niemand mehr daran interessiert sein, Dinge zu erfinden oder Werke zu schaffen, weil sich dann nichts damit verdienen lässt.
Deshalb wurden in unserer Rechtsordnung Mittel geschaffen, die für einen begrenzten Zeitraum künstliche Monopole erzeugen : Für die Erfinder gibt es mit dem Instrument des Patents die Möglichkeit, eine Erfindung bis zu 20 Jahre vor der Verwertung durch andere zu schützen. Für die Urheber von literarischen Werken, Werken der Tonkunst, der bildenden Kunst und der Filmkunst gibt es das Instrument des Urheberrechts, das dem Urheber und seinen Erben ein exklusives Verwertungsrecht sichert – und zwar bis 70 Jahre nach seinem Tod.
Wie gesagt: die Idee dahinter ist, dass hier für eine bestimmte Zeit der Urheber bzw. der Erfinder bevorzugt wird, nicht aber für immer!
Kann ich Musik oder Literatur eigentlich überhaupt kaufen?
Im zweiten Schritt ist es wichtig, mit einer klassischen Legende aufzuräumen: Wir erwerben schon jetzt keine Urheberrechte an den Werken, sondern ein (begrenztes) Nutzungsrecht. Das bedeutet: Wenn ich ein Buch oder eine Schallplatte „kaufe“, so erwerbe ich nicht die Musik oder das literarische Werk, sondern ich erwerbe ein Nutzungsrecht. Im Falle von Büchern wird das Nutzungsrecht so lange gelten, so lange das Buch lesbar bleibt, im Falle der Schallplatte bis zum Ende der Lebensdauer des Tonträgers.
Im Zeitalter der analogen Medien hat diese Methode großartig funktioniert, denn das Medium selbst ist nach einer bestimmten Zeit nicht mehr brauchbar – die Schallplatte abgespielt, das Buch fällt auseinander. Kopien im analogen Zeitalter – die Älteren von uns denken jetzt bitte an Kassettenrecorder – sind immer schlechter als das Original. Damit war der Urheber in einem analogen Zeitalter vor einer Verwertung über das geplante Ausmaß ziemlich sicher.
Das Ergebnis dieser Situation war, dass Verlage und Musikverlage, die die Rechte der Autoren verwalten, gut verdient haben. Und daneben noch Platz genug war für eine Tätigkeit von Verwertungsgesellschaften, die für weitere Verwertungen von Musikstücken (z. B. öffentliche Aufführung) noch fleißig kassierten.
Nutzungsrechte im digitalen Zeitalter
Bei digitalen Medien ist die Sache naturgemäß anders. Eine digitale Kopie entspricht zu 100 Prozent dem Original und stört damit den Urheber gewaltig, da die digitalen Kopien technisch gesehen nach Belieben weitergegeben werden können und so der „Käufer“ den Urheber stark schädigen kann, indem er Kopien des Werks an andere weitergibt. (Eine solche Weitergabe ist natürlich nach den eingeräumten Nutzungsrechten nicht erlaubt, aber welchen Schurken kümmert das schon?).
Da das Vervielfältigen von Werken im digitalen Medium auch wesentlich günstiger ist als in der analogen Welt, müsste folgerichtig auch ein digitales Nutzungsrecht preisgünstiger sein als in der analogen Welt. Die ersten Vertreter der digitalen Medien, die Compact Discs, waren allerdings deutlich teurer als ihre analogen Gegenstücke.
Damit hat dann auch eine Entwicklung eingesetzt, die die Musikindustrie an den Rand des Ruins geführt hat: Musik wurde zunächst fleißig illegal kopiert, weil es technisch möglich war; CDs wurden praktisch nicht mehr „gekauft“. Für den Konsumenten war es einfach wesentlich einfacher und günstiger, die Musik zu „klauen“ als Nutzungsrechte über CDs zu „kaufen“ – und die Industrie, die einfach versucht hat, ihr analoges Verkaufssystem in die digitale Welt zu übertragen, hatte ein Problem.
Der erste Konzern, der ein vernünftiges System in der digitalen Musikwelt entwickelt hat, war Apple: Der Erfolg von iTunes, das mit einem radikal preisgünstigen Modell für den Konsumenten attraktiv wurde, zeigt sehr deutlich, dass Konsumenten sehr wohl bereit sind, digitale Nutzungsrechte zu kaufen, solange der Preis vernünftig ist.
Noch besser zur digitalen Welt passen im Musikbereich heute aber wahrscheinlich Streaming-Dienste wie Spotify oder Deezer, die dem Nutzer prinzipiell nicht erlauben, Daten langfristig auf sein Gerät zu laden – im Gegenzug erhalten Konsumenten preisgünstig oder werbefinanziert (ähnlich wie Radio-Dienste) Zugriff auf praktisch beliebige Mengen von Musik. Solche Streaming-Dienste könnten also im Bereich Musik eine Lösung für die Urheberrechtsthematik sein.
Bei digitalen Büchern ist die Sache noch eine ganz andere. Auch hier gibt es ja schon „elektronische Bücher“, die auf bestimmten technischen Plattformen funktionieren (wie zum Beispiel am Kindle von Amazon). Hier werden von den Verlagen im digitalen Bereich Nutzungsrechte für ein Werk verkauft, aber nur für ein konkretes Leseprogramm. Den Konsument wird vorgegaukelt, sie kaufen wie bei einem analogen Buch ein Nutzungsrecht auf Jahrzehnte (Die Preise für digitale Editionen entsprechen auch in etwa den Preisen für länger haltbare Taschenbücher). Doch mancher hat nach anfänglicher Euphorie schon erkannt, dass das Nutzungsrecht zu Ende ist, wenn die technische Plattform nicht mehr existiert. Für ein temporäres Nutzungsrecht in Form eines „digitalen Buches“ einen ähnlichen Preis zu zahlen wie für ein deutlich längeres Nutzungsrecht in Form eines analogen Buches, das werden Konsumenten auf Dauer nicht akzeptieren.
Das Ergebnis: Die technischen Voraussetzungen für die Vergabe von Nutzungsrechten sind vorhanden, die viel zu hohen Preise für digitale Editionen hemmen allerdings noch den Erfolg von Literatur in digitaler Form.
Die Macht des Marktes
Mit den vorangegangenen Beispielen wurde gezeigt, dass die Konsumenten sehr wohl bereit ist, für digitale Musik, Filme und Literatur Geld auszugeben. Aber sie wollen auch fair behandelt werden. Dazu gehören Preise für digitale Nutzungsrechte, die den technischen Möglichkeiten angepasst sind und die im Verhältnis zu den analogen Nutzungsrechten stimmig sind.
Die Konsequenz ist: Es wird im digitalen Zeitalter weniger Geld für Verlage geben. Denn wenn die digitalen Nutzungsrechte zu teuer sind und übertriebene Monopolgewinne erzeugen, so werden die Konsumenten in eine rechtliche Grauzone oder aber in alternative Modelle – wie etwa Creative Commons – ausweichen. Wird aber ein marktgerechter Preis angeboten, so werden die Gewinne der Verlage zwangsläufig sinken.
Natürlich werden Verlage und Verwertungsgesellschaften versuchen , ihre Monopolgewinne auch im digitalen Zeitalter möglichst lange auf „analogem Niveau“ zu halten. Dazu gehören der Versuch der Einführung einer unsinnigen Festplattenabgabe genauso wie der Versuch der Kriminalisierung von Konsumenten; immer mit dem marktschreierischen Hinweis auf die „armen“ Urheber, deren Rechte geschützt werden sollen. Eine solche Abgabe bedeutet aber aus Sicht des Marktes, für das „Nichtstun“ Geld zu bekommen und ein Monopol ohne Anstrengung aufrecht zu erhalten. Das aber – siehe oben – widerspricht den Grundprinzipien unserer Wirtschaftsordnung.
In einem digitalen Zeitalter werden die Monopolgewinne der Zwischenhändler sinken. Das gilt für den Einzelhandel genauso wie für Verlage. Der Versuch, analoge Monopolgewinne durch Festplattenabgaben oder ähnliches künstlich zu verlängern, wird aufgrund der Marktmacht der Konsumenten scheitern. Auf lange Sicht räume ich daher nur einem marktgerechten Verhalten von Verlagen Erfolgschancen ein. Das Festhalten an analogen Methoden im digitalen Zeitalter wird nicht gelingen!
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Kategorien:Immaterialgüterrecht, Recht

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