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Buch-Tipp: Architektur für die russische Raumfahrt

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Schon Sigmund Jähn, Deutschlands erster Raumfahrer, hat auf die Frage nach Unterschieden zwischen amerikanischer und russischen Weltraumprogrammen geantwortet: „Das ist alles das Gleiche. Das sind ernsthafte Leute. Es geht schließlich um Raumfahrt.“ (Raumzeit-Podcast vom 8. April 2011).

Selten wurde die Entwicklung der russischen Raumfahrt optisch so gut dokumentiert wie in Philip Meusers 412 Seiten von „Architektur für die russische Raumfahrt“. Das Buch stellt sich in einem Format von 23 × 30 cm, mit 366 Abbildungen, Hardcover und gelungenem Schutzumschlag auch selbst erfolgreich als episches Werk dar.

Die Eroberung des Weltraums und ihre Inszenierung

Was die russische Raumfahrt auf jeden Fall auszeichnet, ist die optische Inszenierung des Weltraums. Hier wird im Buch mit wunderbaren Fotos gezeigt, wie eindrucksvoll die Konzepte der Raumfahrt und ebenso die tatsächlichen Raumfahrzeuge wirken können.

Vom Stil her ist die Darstellung russischer Raumfahrt näher an der deutschsprachigen Druck- und Medienbranche, als man denken könnte. Gerade in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg gab es einen regen Austausch zwischen Künstlern aus ganz Europa – aus diesen Strömungen haben sich dann unter anderem der russischen Futurismus und das Bauhaus entwickelt.

Der sozialistische Realismus in der späteren Sowjetunion zeigt immer noch das Vokabular des Futurismus, sowohl in Entwürfen für geplante Raumstationen und Städte im Weltraum wie auch in den Bauten für die sowjetische Raumfahrt. Vor den Kosmonauten waren es also die Architekten und Künstler, die den Weltraum erobert haben.

Die Ausstattung der russischen Raumfahrzeuge – diese ist im Buch hervorragend dokumentiert – zeigt die klaren Richtlinien eines Designs, das zwischen Funktionalität und der Schwerelosigkeit vermitteln muss.

Der Bogen des Buches spannt sich von Planungen und Ideen über die Verwandlung des ursprünglich geheimen „Weltraumbahnhofs“ Baikonur zu einer Touristenattraktion, über das Design der russischen Weltraum-Museen, Weltraum-Plakate der DDR bis hin zu Briefmarken zum Weltraumprogramm, alles in großartigen Fotos dokumentiert.

Die Druckmaschine als „Salyut“?

Was zeigt ein Buch über russische Weltraumfahrt der Druckbranche? Betrachten wir in Analogie die Druckmaschine als zentrales „Kunst“-Objekt der Druckerei, so lässt sich von der russischen Raumfahrt noch lernen!

Auf der anderen Seite kann man wohl der „Technikgläubigkeit“ der Druckbranche den Fortschrittsglauben der sowjetischen Raumfahrt als Spiegel entgegenhalten. Die Frage ist doch immer wieder, ob Technikinszenierung alleine überhaupt reicht? Oder ob Marketing gerade für Medienunternehmen heute mehr bedeuten muss als das Verkaufen und die Darstellung von Maschinen? Vor allem, wenn dahinter ein handfestes Geschäftsmodell gefragt ist?

Empfehlung

Ich möchte das Buch „Architektur für die russische Raumfahrt“ der Druckbranche also aus zwei Gründen empfehlen: Auf der einen Seite, um in opulenten Bildern von der Inszenierung der Technik zu lernen (die Druckmaschine als Salyut!); auf der anderen Seite, um genau diese Technikaffinität wieder einmal zu hinterfragen.

Philipp Meuser (Hg.): Architektur für die russische Raumfahrt – Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik – Pläne, Projekte, Bauten.
DOM-Publishers, Berlin; 412 Seiten mit 366 Abbildungen, 230 × 300 mm, 412 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag; rund 80 Euro

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Kategorien:Rezension, Technik

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