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Buch-Tipp: Haftfalle – Begegnungen im Gefängnis

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Die evangelische Gefängnisseelsorgerin Christine Hubka hat ein Buch geschrieben, das die wunden Punkte im Strafvollzug aufzeigen und mögliche Veränderungen erkennbar machen soll. Über Entstehung und Hintergründe und die Kraft des Schreibens berichtet sie im Interview mit Christian Handler. 

Wie ist das Buch entstanden?

Angefangen hat das Ganze mit einem Kinderbuch. Matthias Geist, der hauptamtliche Gefängnisseelsorger in Wien, hat mich gebeten, ein Buch für Kinder von Inhaftierten Vätern und Müttern zu schreiben.w Er selber hat dann einen „Serviceteil“ für den Anhang geschrieben. Mit praktischen und pädagogischen Hinweisen. Das Buch wurde im Justizministerium präsentiert und ist im ganzen deutschen Sprachraum sehr positiv aufgenommen worden.

Die zweite Begegnung war mit einem sogenannten „geistig abnormen Rechtsbrecher“, der mir als Pfarrerin einer evangelischen Gemeinde geschrieben hat und um Besuch gebeten hat. Aus den Besuchen und Kontakten wurde dann ein Arbeitsverhältnis, als er vom Gefängnis aus als Freigänger arbeiten gehen durfte. Er hat bei mir in der Pauluskirche als Küster gearbeitet. Der beste Küster, den ich je hatte. Das ging so lang, bis er aus dem Maßnahmengefängnis entlassen wurde.

Der letzte Schritt war meine Pensionierung, die Matthias Geist, mein ehemaliger Vikar, zum Anlass genommen hat, mich für die Gefängnisseelsorge in der Justizanstalt Wien-Josefstadt „einzufangen“. Drei Jahre gehe ich nun schon zwei mal in der Woche ins „graue Haus“ und Besuche Inhaftierte, sowohl U-Häftlinge als auch Strafhäftlinge. Für manche bin ich der einzige Kontakt nach außen.

Gibt es denn genug Seelsorge? 

Es gibt nie genug Seelsorge, wobei ich unter Seelsorge Begegnung auf Augenhöhe verstehe. Das kann, aber muss nicht, etwas mit Religion zu tun haben. Solche Kontakte sind für Inhaftierte sonst kaum möglich: Die Beamten sind die „Chefs“. Die Sozial­arbeiter sehen in ihnen Klienten. Die Psychologen und Psychiater sehen sie als Patienten. Die Anwälte sehen sie auch als Klienten. Alle beurteilen oder beraten oder wollen die Leute zu etwas bringen. Die Seelsorgerin kommt und hat kein Thema. Will nichts, beurteilt nichts. Begegnet. Möglichst echt. Also wenn mir einer etwas sagt, hab ich eine Meinung dazu, wie bei anderen Gesprächen auch. Ich sag schon mal: „ich find‘ das total teppert“. Oder ich widerspreche auch. Wenn einer immer im Kreis redet, sag ich auch einmal: „Sie wiederholen sich!“ Seelsorge ist nicht lieb, aber sehr nah.

Warum gibt es das Buch?

Mit diesem Buch will ich etwas unter die Leute bringen, was alle im Strafvollzug wissen: Lange Haftstrafen schaden der Gesellschaft und reduzieren die Sicherheit. Es ist eben genau anders, als der Boulevard es darstellt. Aber die Experten werden entweder nicht gehört, oder sie trauen sich nicht, die Dinge laut zu sagen. Ich bin ein Niemand im System. Ich kann viel offener reden.

Warum ein Buch? Warum kein Blog oder Film?

Das Buch ist einfach mein Medium, mich auszudrücken. Da hab ich viel Erfahrung und Übung. Im Gefängnis wird viel geschrieben. Viele Gefangene beginnen, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Der Kontakt über Briefe ist der einzig wirklich verlässliche. Ich schreibe auch Gefangenen, die mir mehr als doppelt so oft schreiben, als ich antworte.

Was soll das Buch bewirken?

Ich will eine Debatte entfachen, die halbwegs niveauvoll verläuft. Und ich will die vernünftigen Menschen in diesem Land über etwas informieren, wovon sie keine Ahnung haben. Wer kennt schon jemanden, der im Gefängnis ist. Wer kennt schon jemanden, der Angehörige im Häfn hat. Vielleicht schon, aber es wird ja nicht darüber geredet. Alles, was so tabuisiert ist, ist gefährdet, ein unerfreuliches Eigenleben zu entwickeln. Wir wissen aus den Kinderheimen, wie anfällig für Missbrauch solche geschlossenen Systeme sind. Das Gefängnis ist ein geschlossenes System. Die Seelsorge macht hier ein bisschen auf, weil wir von draußen kommen und nicht ins System gehören.

Wie wird das Thema aufgenommen?

Das Thema ist emotional, weil es vom Boulevard emotionalisiert wird. Dabei müsste man das ganz nüchtern betrachten und endlich die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema Haftstrafen ernst nehmen und darauf reagieren. Die sagen eindeutig, dass lange Gefängnisstrafen Resozialisierung verhindern und Rückfall fördern. Der Grund ist leicht nachvollziehbar: Alle Kontakte, Familie, Freunde, Kollegen, gehen mit der Zeit verloren. Und man kann einen Menschen nicht dadurch zur Selbstverantwortung erziehen, dass man ihm jede Selbstverantwortung entzieht (in manchen Gefängnissen darf man nicht einmal entscheiden, ob und wann man duschen geht).

Wie geht es weiter?

Ich hoffe auf eine gute und anhaltende Diskussion. Inzwischen werde ich weiterhin jeden Montag und Donnerstag die Justizanstalt Wien-Josefstadt besuchen.

Christine Hubka: „Die Haftfalle.
Begegnungen im Gefängnis“.

Wien 2013, 191 Seiten, Edition Steinbauer

http://www.edition-steinbauer.com

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Über die Autorin

Christine Hubka, 1950 geboren in Wien, Dr. theol., evangelische Pfarrerin i. R.; derzeit Gefängnisseelsorgerin in der Justizanstalt Wien Josefstadt. Gründerin des Evangelischen Flüchtlingsdienstes. Preisträgerin des Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreises. Autorin zahlreicher Sendungen im ORF-Radio und mehrerer religionspädagogischer Fachbücher sowie Kinderbücher.

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