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Glosse: Imaging für die Wetti-Tant?

Die Revolution, die die Computerindustrie über die Druckindustrie gebracht hat, ist nun endlich vorbei. Nachdem nun Ruhe eingekehrt ist, sehen wir seit das ganze Ausmaß der Verwüstung. Satz- und Reprostudios sind dahingerafft, die letzte Bastion der Kreation in der Druckbranche ist die Medientechnikerin, in deren kundigen Händen die wirren Daten der Kreativen zu Druckbarem veredelt werden sollen. Doch immer weniger ist das Veredeln notwendig, die meisten brauchbaren Programme erzeugen doch schon druckfertige PDFs mit perfekten Farbseparationen und prüfen das Ergebnis gleich hinterher nach den aktuellen Standards.

Das Fachwissen von Generationen – von Typografen und von Lithografen – ist aufgehoben; es ist verschwunden und wurde in die Fähigkeiten der Programme integriert. Das, was ein mittelprächtiges Farbmanagementsystem heute zu leisten imstande ist, das hätte bei weitem den Horizont meines Lithografielehrers an der „Graphischen“ gesprengt – der hörte nämlich bei 100 % Cyan auf.

Die Zeiten der „Publishing Revolution“ waren hart. Denn dort, wo die Computerindustrie hinschaut, wächst kein Gras mehr. Plötzlich wurden alle Computerfreaks zu berufenen Typografen, zu selbsternannten Schriftkünstlern und Designern.

Diese Zeiten sind endlich vorbei. Professionelles Arbeiten im grafischen Bereich gehört wieder den Professionellen. Kreative Grafiker und Mediendesigner können endlich wieder ordentlich druckbare Seiten gestalten.

Die Horde der Verrückten, die uns bisher gequält hat, die spielen jetzt mit ihren brandneuen digitalen Kameras. Das Ungemach, im Fokus der Computerindustrie zu stehen, das haben jetzt die Fotografen geerbt. Heutzutage ist jeder ein Foto-Graf und erzeugt Unmengen von digitalem Bilder-Müll. Eine durchschnittliche österreichische Familie, mit drei digitalen Kameras und vier Fotohandys ausgestattet, kann in einem Jahr mehr Bilder erzeugen, als die Erben in zwanzig Jahren ansehen können. Und wollen.

Die wenigen professionellen Fotografen, die das überleben werden, werden sich sehr freuen, wenn die Computerindustrie in ein paar Jahren ihre nächste kreative Spielwiese entdecken wird.

Dieser Text erschien erstmals im Jahr 2006 in der Fachzeitschrift „Das österreichische Grafische Gewerbe“ (Heft 1–2, Seite 16)

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Kategorien:Glosse, Technik

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